Österreichs Bauern und die "Heilige Kuh"

"Presse"-Leitartikel von Franz Schellhorn

Wien (OTS) - Der Weg nach Neuseeland ist ein weiter. Aber ein lohnender. Vor allem für die österreichischen Bauern.

Auf den österreichischen Landwirtschaftsminister Josef Pröll (ÖVP) ist Verlass. Die Bereitschaft der EU-Kommission, Subventionen an die europäische Landwirtschaft schrittweise um 70 Prozent zu kappen, kommentierte der oberste Bauernvertreter so: Es könne sich nur um ein kleines Missverständnis handeln. Er, Pröll, schließe Subventionskürzungen kategorisch aus. Debatte beendet.
Diese Position ist natürlich zu verstehen. Fragten wir zum Beispiel die heimische Eisenbahnergewerkschaft, ob die Steuerzahler ohne Wenn und Aber das nächste Jahrhundert für die nicht gerade schmalen "Abgänge" der Bahn aufzukommen hätten, wäre wohl eher nicht mit einem "Nein" zu rechnen. Deshalb fragen wir ja auch gleich gar nicht. Besser nicht fragen sollten wir auch die österreichische Bevölkerung, wie es denn mit den Subventionen für die heimischen Bauern weitergehen soll. "Alles lassen, wie es ist" wäre wohl die Meinung einer überwältigenden Mehrheit.
Die Österreicher haben nämlich ein Herz für die Bauern. Vermutlich deshalb, weil die meisten von uns, wenn sie "Landwirtschaft" hören, gleich das passende Bild im Kopf haben. Jenes des hart schuftenden Bergbauern, der sein Heu mühevoll von steilen Almwiesen kratzt. Um für diese Arbeit einen Hungerlohn zu empfangen.
Wer würde schon diesen Landwirten die Subventionen kürzen wollen? Niemand. Darum geht es ja auch gar nicht. Es geht vielmehr darum, endlich aufzuwachen und ein etwas realistisches Bild zu bekommen. Ein Bild mit ziemlich harten Wahrheiten. Etwa jener, dass Österreichs Bauern über ein gut gemeintes Subventionswesen zu Almosenempfängern degradiert wurden. Zu modernen Leibeigenen einer ständestaatlichen Subventionsmaschinerie. Eine gnadenlose Walze, die vom früheren Stolz des Bauernstandes nichts mehr übrig ließ. Welcher österreichische Bauer will sich auch heute noch frei und unabhängig nennen, wenn er die Hälfte seines Einkommens aus dem Subventionstopf der öffentlichen Hand überwiesen bekommt?
Die klassische Antwort eines Bauernvertreters auf derartige Fragen wäre folgende Gegenfrage: "Wollen wir, dass in weiten Teilen Europas die Bauern verschwinden?" Nein, das wollen wir nicht. Niemand will aber Bauern, die nur deshalb einen Hof im Nebenerwerb bewirtschaften, um die Subventionen nicht zu verlieren. Damit werden nämlich Flächen blockiert, die innovative Bauern zum Überleben brauchten. Jedenfalls wollen wir uns aber nicht von Agrar-Lobbyisten zum Narren halten lassen. Etwa mit der Unterstellung, wonach bereits mit dem Infragestellen des aktuellen Subventionssystems ganze Berghänge ins Rutschen kämen, der Bevölkerung der Magen knurrte und Menschenmassen die Landflucht anträten. Wir wollen auch nicht glauben, dass das Fördersystem zur Sicherung der tatsächlich bescheidenen Existenzen kleiner Bergbauern da wäre. Die Erklärung, warum dafür pro Jahr allein für die österreichischen Bauern zwei Milliarden Euro an Subventionen notwendig wären, sollte dann zumindest mitgeliefert werden.
Es geht freilich längst nicht mehr um die Kleinbauern. Sondern darum, großen Landwirtschaftsbetrieben den Wettbewerb zu ersparen. Das zeigt allein Frankreich, dessen Bauern ein Fünftel aller in der EU gezahlten Landwirtschaftssubventionen erhalten. Ein Viertel dieser Gelder geht wiederum an fünf Prozent der Landwirte. Das sind nicht die kleinsten. Sondern die größten. Das erklärt wohl auch, warum gerade in Frankreich trotz exzessiver Subventionen in den vergangenen 20 Jahren jeder zweite Hof verschwunden ist.

Grundlage der Subventionen an die Landwirte war der Hunger nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Hunger ist längst gebannt, Europa versinkt im Überfluss. Gleichzeitig wird munter weiter subventioniert. Mit dem Ergebnis, dass Europa heute für die Subventionierung der Landwirtschaft mehr Geld ausgibt als für die Förderung von Forschung und Entwicklung. Dabei könnte es auch anders gehen. Wie in Neuseeland. Die dortige Labour-Regierung hat in den 80er-Jahren innerhalb weniger Jahre die Zuschüsse an die Landwirtschaft gestrichen. Von Hunger und großem Bauernsterben keine Spur, der Anteil der Landwirtschaft am BIP hat sich vielmehr erhöht. Zudem fühlen sich die neuseeländischen Bauern heute wieder als ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft.
Eine Landwirtschaft ganz ohne Subventionen muss nicht sein. Sollten sich die Bauern aber nicht damit anfreunden können, das zu erzeugen, was sich zu Weltmarktpreisen absetzen lässt, wird es für sie bitter. Je näher nämlich der Beitritt des Agrar-Riesen Türkei rückt, desto näher ist die "Heilige Kuh" EU-Landwirtschaftsförderung ihrer Schlachtbank gekommen.

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