Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Keine Glaubensfrage" (Von Peter Nindler)

Ausgabe vom 12. Oktober 2005

Innsbruck (OTS) - Vielleicht erwarten sich einige politische Scharfmacher vor dem Herrn, dass man die Wogen um die geplante Gebetssäule in Telfs bewusst hochgehen lässt. Aber vielleicht irren sich jene selbst ernannten Verteidiger des katholischen Glaubens, auch wenn es mancherorts inneren Widerstand dagegen gibt. Denn das Minarett in Telfs sollte für Katholiken keine Frage des Glaubens sein, sondern eine der Toleranz.

Zweifelsohne hat der islamische Gebetsturm eine wichtige Bedeutung für die gläubigen Muslime, weil er einfach zu ihrem Gebetshaus dazugehört. Und wer das Minarett, das sichtbare Zeichen einer Moschee, ablehnt, lehnt auch die Glaubensstätte von praktizierenden Moslems ab.

Die Gebetssäule wird vorerst natürlich wie ein Fremdkörper wirken. Weil er etwas Neues, etwas Fremdes darstellt und absolut nicht in unser von Kirchen und vom "Heiligen Land"-Mythos geprägtes Tirol-Bild passt. Obwohl die Realität schon längst ein anderes Bild zeichnet. 3000 Moslems leben beispielsweise in Telfs, und man würde Integration völlig falsch interpretieren, sollte sie mit der Nichtausübung ihres traditionellen Glaubens gleichgesetzt werden.

Tirol verträgt locker eine Moschee mit einem Minarett, weil sie ein Symbol des Glaubens von Mitbürgern ist, die bei uns leben, arbeiten und auch sterben. Wer sie zum Feindbild stempelt, im Minarett ein Zeichen zunehmender Islamisierung oder Zuwanderung sieht, schürt bewusst Ängste, die das Fremde natürlich - und menschlich verständlich - auslösen kann. Die Radikalisierung in der islamischen Welt und die Hassprediger, die in ihren Freitagsgebeten zu Gewalt aufrufen, stellen ein Bedrohungspotenzial dar. Aber mit Telfs hat das nichts zu tun, da sollte schon differenziert werden.

Toleranz ist schließlich das Gut der aufgeklärten Welt. Auch wenn sie tagtäglich erschüttert wird, sollte sie dennoch tagtäglich gelebt werden.

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