"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Mutmacher im Kampf gegen die widrige Thermik" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 08.10.2005

Graz (OTS) - Große programmatische Würfe waren bei der Klausur der ÖVP am Wolfgangsee nicht zu erwarten. Die Zusammenkunft in der Nachsommer-Kulisse des Salzkammerguts diente vorrangig seelsorgerischen Zielen: Nach dem Verlust der Steiermark, die der Partei in die Glieder fuhr, galt es, die Verunsicherten aufzurichten und gegen den Bazillus aufkeimender Krisenstimmung zu immunisieren.

Dass diese Rolle Wolfgang Schüssel zufiel, den man unter Druck wähnte, zeigt, wie unangefochten monarchisch seine Stellung in der Partei noch immer ist. In jeder anderen bräche nach einem solchen Schlag, der weit mehr war als nur das behauptete lokale Gewitter, eine Richtungsdebatte aus. Nicht so in der Schüssel-VP: Kein skeptiches, hinterfragendes Wort an den Therapeuten, das nach außen gedrungen wäre. Vermutlich fiel es gar nicht.

Dabei ist die Lage für den Kanzler prekär. Die alte Stärke der ÖVP, die Länderorganisationen, zeigen tiefe Risse und sind brüchig geworden. Salzburg, Steiermark, das waren Festungen, die als uneinnehmbar galten. Das Ländliche war das Kern-Biotop der ÖVP, es kompensierte die Schwäche in den städtischen Räumen, wo es der Partei bis heute nicht gelang, sich ein modernes, urbanes Antlitz zu geben.

Die Land-Stadt-Macht-Symmetrie gilt nicht mehr: Mit bürgerlich aromatisierten Spitzenkandidaten wie dem Edlseer Franz Voves oder der Bauerntochter Gabriele Burgstaller hat es die SPÖ geschafft, in die schwarzen, nicht-urbanen VP-Territorien einzudringen.

Erschwerend für Schüssel kommt hinzu, dass Teile seiner Regierungsmannschaft akute Abnützungserscheinungen zeigen und: dass ihm durch das Abbruch-Werk der Blau-Orangen die bürgerliche Mitte-Rechts-Mehrheit zerrinnt. Bei der Nationalratswahl 2002, im Sog von Knittelfeld, fielen ihm als Mitgift 600.000 Stimmen aus dem Lager der FPÖ zu. Die ÖVP wollte sie "treuhändisch" verwalten, aber ein Gutteil dürfte längst von der SPÖ aufgesogen sein.

Es stimmt, dass der Kanzler im direkten Vergleich mit Alfred Gusenbauer im Vorteil ist, noch immer. Demoskopen bestätigen ein breites Ja zu bürgerlicher Solidität in der Sanierungsarbeit. Aber diese Einsicht in die Notwendigkeit wird überlagert von einer gegenläufigen Retro-Strömung: Es reiche. Man sei genug verunsichert. Habe genug von den Zumutungen der Reformpolitik. Sehne sich nach sozialer Verlässlichkeit eine Thermik, die die SPÖ begünstigt.

Der Kanzler, will er es bleiben, wird darauf eine Antwort finden müssen.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001