"Die Presse" Leitartikel: "Die Welt versteht uns nicht" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 8.10.2005

Wien (OTS) - Und wir verstehen die Welt nicht: Über Österreich-Bilder und die allseitige Bereitschaft zu Empörungen jeder Art.
Man könne, hieß es dieser Tage sinngemäß im britischen "Guardian", in Österreich praktisch keinen Wandschrank aufmachen, ohne dass ein Nazi rauspurzelt. Im "Wall Street Journal", das von vielen Zeitgenossen als einer der letzten Zufluchtsorte liberaler Vernunft verehrt wird, verstieg sich dessen europäischer Chefkommentator Matthew Kaminski zu einem Leitartikel, in dem von der Lederhose über den Rassismus bis zu Hitler nichts ausgelassen wird, was jedem kosmopolitischen Durchschnittstrottel einfällt, wenn er beiläufig über Österreich nachdenkt. Und in der "Zeit", der noblen Hamburger Wochenschrift für intellektuell Wellnessbedürftige und ideologisch Indifferente, erfahren wir an diesem Wochenende, dass wir es in Österreich, Haider sei Dank, mit einem "xenophoben Ausnahmezustand" zu tun hätten, "der sich mittlerweile als Normalität gefällt".
Mehr brauchst' nicht: "Grotesk" und "bösartig" seien solche Verallgemeinerungen, empörte sich der grüne Europaabgeordnete Johannes Voggenhuber. Überhaupt kam es zu einem rasanten Anstieg allseitiger Empörungsbereitschaft ob solcher unqualifizierter Schimpftiraden aus dem feindlichen Ausland. Wären die Aussagen von offiziellen Regierungsvertretern der entsprechenden Länder wiederholt oder wenigstens dem Sinne nach bestätigt worden, hätten wir uns erregungstechnisch sofort wieder auf Sanktionen-Niveau eingependelt. Schon damals wurde ja eindrucksvoll bewiesen, dass sich in empörungsgesteuerten Debatten der Pluralismus darauf beschränkt, dass die vorgebrachten Positionen unterschiedlich dumm sind.

Das Schöne an solchen Empörungen ist andererseits ihr künstlerischer Charakter. Sie sind eine Frucht des Überflusses, dienen ausschließlich der Erbauung ihrer Erzeuger und Betrachter, verfolgen keinerlei außerhalb des Erzeugten liegenden Zweck und zeichnen sich durch einen Interpretationsspielraum aus, der nicht selten bis ins dunkle Reich der Individualpsychologie vordringt.
Dabei halten die künstlichen Erregungen über nationale Selbst- und Fremdbilder auch eine ernsthafte Lehre bereit. Jeder, der - mit Recht - behauptet, da sehe man wieder einmal, wie wenig auch die angeblich so seriösen Weltblätter über die Länder wissen, die sie in ihren Leitartikeln in der Pose des strengen Weltenrichters beurteilen, kann sich gleich bei der eigenen Nase nehmen: Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass die Leitartikler von "Presse", "FAZ" oder "SZ" über das "wirkliche" Wesen der Gesellschaften, über die sie schreiben, mehr wissen als der "Wall Street Journal"-Leitartikler über Österreich oder Deutschland. Der unternehmerische, aber ungebildete Amerikaner; der fleißige, aber abartig obrigkeitshörige Japaner; der latent mafiose Albaner; der lustige, aber faule Grieche; der stilvolle, aber chaotische Italiener; der kultivierte, aber arrogante Franzose; der fleißige, aber etwas uninspirierte Deutsche: sie alle bevölkern, mal gröber, mal feiner gezeichnet, die Motivstudien zu den wichtigen politischen Ereignissen in den jeweiligen Ländern.

Denkende Gemüter sind deshalb längst dazu übergegangen, solche holzschnittartigen Charakterisierungen mit angemessener Gelassenheit hinzunehmen oder mit dem sprichwörtlichen "Schmunzeln", mit dem der österreichische Bundeskanzler alles quittiert, was er für intellektuell unter seiner Würde hält (das ist bekanntlich nicht wenig, was der Grund dafür ist, dass der Bundeskanzler viel schmunzelt).
Weniger denkende Gemüter haben zwei Möglichkeiten: Sie nutzen die überzogenen Beschreibungen zur Ausrufung der allgemeinen nationalen Mobilmachung gegen die bösartigen Angriffe der Feinde - oder sie schließen sich den pauschalen Anschuldigungen an, um in der Aufarbeitung von allem möglichen Unaufgearbeiteten in Geschichte, Mentalität und Kultur der eigenen, verkommenen Heimat wacker voranzuschreiten. Beides ist ein bisschen lächerlich, wie der Streit zwischen rechten "Schulterschluss"-Ideologen und linken "Selbstreinigungs"-Fantasten während der Sanktionenzeit gezeigt hat. Ein besonders interessantes Phänomen sind jene Autoren, die sich darin gefallen, den vergröberten Darstellungen des eigenen Landes in ausländischen Medien durch noch gröbere Gastbeiträge ebendort den Anstrich der Authentizität zu geben. Auch das ist freilich keine moralische Frage, sondern nur die Befolgung einer alten Kunsthandwerks-Regel: Wenn Edelfedern zittrig werden, lässt sich mit Holzschnitten noch immer gutes Geld verdienen.

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