Wiener Geschichtsblätter: Hunger, Angst und Kunst

Wien (OTS) - Dem Ernährungsmangel zur Zeit des Ersten Weltkrieges, wie auch der Angst im Wiener Alltag in den Jahren 1940 bis 1945 widmen sich die beiden ersten Aufsätze der aktuellen Ausgabe der "Wiener Geschichtsblätter" (Ausgabe 03/2005). Andrea Brenner die sich mit den Wiener Ersatzlebensmittel in der Zeit zwischen 1914 und 1918 auseinandersetzt, argumentiert, dass gerade diese Notzeit nicht unwesentlich zur Etablierung der sich ab dem späten 19. Jahrhundert ausbreitenden Nahrungsmittelindustrie beitrug. Stießen auch anfangs die Ersatz-Lebensmittel noch auf große Vorbehalte, so erfuhren sie dennoch in der Zeit nach 1918 eine Aufwertung im Sinne "echter" Lebensmittel. Ebenso erinnert die Historikerin an die große Bedeutung der Rübe, auch Wrucke genannt, die zu jener Zeit als "Metasurrogat" diente. So gab es etwa Rezepte für "Wruckenschnitzel" ebenso wie für "Wruckengulyas" und "Wruckennockerln". Auch an den Beispielen des Maisbrotes und des "Dottofix", einem Ersatz für Eier, macht Brenner klar, welche Umwertungen im Lebensmittelbereich zu jener Zeit stattfanden.

Ein ungewöhnliches Beispiel der Aufarbeitung von Vergangenheit findet sich in dem Aufsatz "Täglich wuchs die Angst. Wiener Alltag 1940-1945" von Othmar Birkner, der anhand des Briefwechsels seiner Eltern die Ausnahmesituation der Stadtbevölkerung nachvollziehbar machen will. Die auszugsweise wiedergegebenen Texte widerspiegeln eine Mixtur von Versuchen, die Normalität trotz drohender Luftangriffe und sich immer deutlicher abzeichnender Versorgungsmängel soweit als möglich aufrecht zu erhalten

Weitere Aufsätze widmen sich der "Rezeption der Frauenbewegung in der Wiener jüdischen Presse vor 1938" (Elisabeth Malleier) und "Secessionistischen Scherzgedichten im Nachlass Alfred Rollers" (Oskar Pausch). Nicht nur für Musikinteressierte von Interesse dürfte der Aufsatz von Peter D. Forgacs sein, der sich der schillernden Person Ignaz Schnitzer und der "wahren Geschichte des Zigeunerbarons" widmet. Nebst einer Kritik an diversen Entstehungsmythen rund um den "Zigeunerbaron" - Forgacs tariert die Schwerpunkte der Beziehung zwischen Strauß, Schnitzer und Jokai neu aus - erinnert der Autor aber auch an die ungeheure Schaffenskraft des im Jahr 1839 in einem Vorort von Bratislava zur Welt gekommenen Ignatz Schnitzer, der neben seiner Karriere als Journalist, auch als Mitbegründer des berühmten "Venedig in Wien" (ab 1895) hervorzuheben ist.

Die "Wiener Geschichtsblätter" kosten pro Ausgabe Euro 7 im Buchhandel. Mitglieder des Vereins für Geschichte der Stadt Wien erhalten das Periodikum neben anderen Publikationen gegen einen Jahresbeitrag von 35 Euro kostenlos. Verlegt wird die renommierte Zeitschrift, die vierteljährlich erscheint, im LIT Verlag. (Schluss) hch/

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