WirtschaftsBlatt Kommentar vom 5.10.2005: Wien segelt auf der Balkan-Route - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Der Kurs stimmt, soweit Friede und Prosperität auf
dem Balkan das Ziel der österreichischen Diplomatie sind. Nach dem etwas künstlichen Nervenkitzel, den Österreich in Brüssel herbeiführte, wäre es fast unprofessionell, nachzurechnen, wer wen über den Tisch gezogen hat und wer umgefallen ist. Es hat sich ergeben, dass die Europäische Union formell Beitrittsverhandlungen mit Kroatien aufnimmt und dass Österreich einen beträchtlichen Anteil an dieser Wendung hat, wobei sich auch die eiserne UNO-Chefanklägerin beim Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag, Carla Del Ponte, erst einmal als biegsame Diplomatin erweisen musste, bis alles glatt ging. Natürlich entspricht die gesellschaftliche Entwicklung in Kroatien noch nicht dem Standard, den die Europäische Union ihren Mitgliedern abverlangt. Aber es ist ja auch noch Zeit, das Rechtssystem zu entwickeln, Netzwerke des organisierten Verbrechens zu durchschneiden, mit den Kriegsverbrechern fertig zu werden. Die Zweifel, dass Kroatien diese Wandlung bewältigt, waren berechtigt und sind nicht restlos verschwunden. Aber der neueste Bericht Del Pontes, Kroatien habe "als erstes Land des Balkans begriffen, dass seine Zukunft auch darin liegt, mit uns zu kooperieren" lässt Optimismus zu. Und steht in Einklang mit der Mahnung des kroatischen Staatspräsidenten Stjepan Mesic an seine Landsleute, das grosse Reformwerk energisch anzugehen.
"Die Zusammenarbeit Kroatiens bei der Übergabe von angeforderten Dokumenten ist tatsächlich derzeit die beste von allen Ländern in der Region", sagt Del Ponte. Wenn die (neue) Situation Kroatiens damit akkurat beschrieben ist, so liegt es im vitalen Interesse Österreichs, diesen wichtigen Wirtschaftspartner in die EU hereinzuziehen. Schon deswegen, weil im Verhandlungsprozess die Reformarbeit fortgesetzt und durch die spätere Mitgliedschaft abgesichert wird.
Hinter Kroatien erscheinen die Balkan-Staaten, die noch lange nicht reif sind und es dennoch werden sollen. So wie im Fall Kroatiens das gute Beispiel (Slowenien) und deutlicher Druck (die Kriegsverbrecherverfolgung) die Reformbereitschaft beschleunigten, könnte es irgendwann einmal auch mit den anderen klappen. Auf dem Balkan hat die EU eine Friedensmission.
Kroatien wird übrigens weit rascher EU-tauglich sein als dieTürkei. Deshalb bleibt die Türkei auch nach dem Verhandlungsmarathon der vergangenen Tage ein schwieriges Kapitel.

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