"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Volkspartei in Nöten" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 04. Oktober 2005

Innsbruck (OTS) - Es war eine Niederlage von historischem Ausmaß. Nach Salzburg verlor die ÖVP unter Wolfgang Schüssel ihr zweites Kernland an die Sozialdemokratie. Dieses Kunststück gelang noch keinem seiner Vorgänger. Naturgemäß heißt es in den Reihen der Volkspartei, dass die Ursachen für diese Niederlage - wie schon einst in Salzburg - hausgemachte sind.

Der Befund stimmt auf den ersten Blick. Es mag auch richtig sein, dass der ausgewiesene Vorsprung der SPÖ in bundesweiten Umfragen nicht wirklich alarmierend ist. Vor allem, wenn man im Finale den Wahlkampf personalisiert: Schüssel kontra Gusenbauer.
Doch auch hier bietet das Ergebnis in der Steiermark erhellende Eindrücke. Denn bei keiner anderen Landtagswahl hat sich Schüssel persönlich so engagiert wie jetzt in der Steiermark. Vergebens. Zudem spielte bei den Motiven, SPÖ zu wählen, der Spitzenkandidat kaum eine Rolle. Vielmehr herrschte eine steigende Stimmung für einen politischen Wechsel. Auch der Blick auf alle Wahlgänge der vergangenen vier Jahre, die allesamt Zugewinne für die SPÖ gebracht hatten, macht klar: Gusenbauer ist sicher nicht die Bank für die Niederlage der SPÖ bei der Nationalratswahl 2006, auf die Schüssel setzen kann.

Der SPÖ-Vorsitzende versucht schrittweise den Machtwechsel über den Umweg der Bundesländer vorzubereiten. Und er ist auf dem besten Weg. Denn seit Sonntag hat die SPÖ österreichweit mehr Landtagswähler als die föderalistische ÖVP. Zuletzt war dies Mitte der 70er-Jahre der Fall. Zu guter Letzt weiß Schüssel spätestens seit Sonntag, dass er mit dem BZÖ ein in Auflösung befindliches Kunstgebilde als Koalitionspartner hat.

Der 2. Oktober als Beginn des Endes der Kanzlerschaft Schüssel? Wenn ja, dann kann die ÖVP in ihrem Sinne das steirische Kultbuch "Aus dem Leben Hödelmosers" rezitieren: "wenn die steiermark zerfällt, zerfällt österreich."

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