"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die E-Card als Faustpfand in einem permanenten Zerwürfnis" (von Christian Weniger)

Ausgabe vom 29.09.2005

Graz (OTS) - Da gibt es nichts zu beschönigen. Die aufgetretenen technischen Pannen beim Einsatz der E-Card sind unangenehm. Zu einem Notstand kam es aber nicht. Patienten erfuhren trotzdem die erforderliche Behandlung, erhielten ihre Rezepte. Lediglich die Verrechnung zwischen Arzt und Sozialversicherer musste nachgeholt werden.

Diese ersten Störungen wiesen eines vorerst nicht nach: dass das ganze Card-System bloß ein Flop sei. Auch wenn sich die Standesvertretung der Ärzte jetzt gegen den weiteren funktionellen Ausbau des elektronischen Krankenscheins stemmt.

Dieser vehemente Einspruch der Ärztekammer führt zum Kern des Problems.

Von den Vertretern der Mediziner wurde die E-Card nie wirklich gewollt, schließlich als Faustpfand im Zwist mit den Sozialversicherern verwendet.

Als die Wiener Gebietskrankenkasse vor zwei Jahren den Vertrag mit den niedergelassenen Ärzten aufkündigte, revanchierten sich Kammerfunktionäre der Mediziner postwendend. Sie verweigerten vorerst alle weiteren Gespräche über die Einführung der Chipkarte als Krankenschein-Ersatz.

Für den Hauptverband der Sozialversicherungsträger ist die Einführung der E-Card eines der größten Projekte seit Jahrzehnten. Für die Ärztekammer gilt der Hauptverband mit all seinen Reglementierungen, wie etwa der umstrittenen Chefarztpflicht für bestimmte Medikamente, als bürokratischer Hemmschuh. Das Zerwürfnis zwischen beiden ist permanent. Hauptverband wie auch Ärztekammer lassen keine Möglichkeit verstreichen, in den vermeintlichen Wunden des jeweils anderen zu bohren und sich darin zu verbeißen.

Im Juli kam auf, dass niedergelassene Ärzte unentgeltlich erhaltene Medikamente weiter verrechneten. Da jaulte der Hauptverband sofort auf. Man werde, drohte der Sozialversicherer, sogar Anzeigen gegen Mediziner prüfen. Das erübrigte sich, weil auch die Staatsanwaltschaft prüfte und keine strafrechtlich relevanten Verstöße fand.

Jetzt bieten dafür die Pannen um die E-Card den Ärztekämmerern die (willkommene?) Chance, wieder genüsslich auf den Hauptverband und dessen störungsanfälliges Lieblingsprojekt zu zeigen.

Das gegenseitige Anprangern, Misstrauen, Boykottieren ist ein beliebtes Spiel von Funktionären. Die Sache bringt es nicht weiter. Der dauernde Hader verdeutlicht, woran unser System der Krankenversorgung nicht zuletzt auch krankt und warum auf eine wirklich grundlegende Verbesserung kaum gehofft werden darf. ****

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