DER STANDARD-Kommentar "Weg vom Herd, hin zur Hymne" von Michael Völker

Nach der Bundeshymne sollte sich die Republik auch den Landeshymnen widmen - Ausgabe vom 29.9.2005

Wien (OTS) - Wir sind längst nicht mehr das Land der Hämmer und dem Selbstverständnis nach auch nicht primär ein Land der Dome. Der Text der Bundeshymne ist 58 Jahre alt, und er ist überholt. Außerdem ist diese "Volkshymne", wie sie per Ministerratsbeschluss eingeführt wurde, auch musikalisch nicht schön, abgesehen davon, dass sie meist zu langsam gesungen wird. Die Melodie dieser Freimaurerkantate aus dem Jahr 1791 ist höchstwahrscheinlich nicht einmal von Wolfgang Amadeus Mozart, wie wir lange glaubten.

Aber es ist "unsere" Bundeshymne, sie ist Brauchtum, sie ist identitätsstiftend, auch wenn das viele nicht brauchen oder wollen, sie ist in der Bevölkerung verankert, auch wenn kaum einer den ganzen Text auswendig weiß; sie ist Kulturgut. Natürlich könnte man jetzt hergehen und in einem Wettbewerb eine ganz neue Hymne suchen, sicher würde sich auch Alf Poier daran beteiligen oder Christian Kolonovits, aber wozu das Ganze? Wir haben mit der alten zu leben gelernt, sie nicht unbedingt zu lieben gelernt, und so wichtig oder störend ist sie auch wieder nicht - abgesehen davon, dass sich wohl kaum eine politische Mehrheit für ein solches Unterfangen finden ließe. Schließlich muss man dem geschassten Teamchef Hans Krankl hoch anrechnen, dass er seinen Kickern wenigstens beigebracht hat, die Hymne fehlerfrei zu singen. Da wollen wir sie ändern? Eben. Und, ja doch, wir haben andere Sorgen.

Dennoch sollte man so rasch als möglich zu den Söhnen auch die Töchter des Landes einfügen. Das ist kein Aufwand, tut niemandem weh, und es wäre nur fair und gerecht - als symbolischer Akt. Mehr ist es nicht. Vor allem sollte der glücklosen Frauen- und Gesundheitsministerin so rasch als möglich diese Bühne zur Selbstdarstellung entzogen werden, auf dass sie sich wieder den wirklichen Problemen widmen kann, den Alleinerzieherinnen, der Frauenerwerbsquote, der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wenn sie es ernst meint und wenn diese Debatte um eine "frauengerechte" Bundeshymne nicht nur ein billiges Ablenkungsmanöver vom frauenpolitischen Versagen ist, von einem tradierten Rollenbild, das Frauen immer noch am liebsten in der Küche sieht. Eine Volksbefragung zur Hymne, wie es aus dem Orangenhain tönt, brauchen wir ganz sicher auch nicht.

Wie wenig ernst es die Bundesregierung mit frauenpolitischen Anliegen nimmt, zeigt schon der so stolz wie selbstverständlich von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel zur Schau gestellte Machismus, mit dem er "seine" sechs Ministerinnen, also Frauen, anweist - oder es ihnen gestattet -, sich um eine Neuformulierung der Hymne zu kümmern. Ist ja Frauenkram, aber da dürfen sie sich verwirklichen.

Auch Nationalratspräsident Andreas Khol hat einen wertvollen Beitrag in dieser Richtung geleistet. Der große Hüter des Abendlandes und seiner christlichen Werte und Traditionen will sich "nicht an Worte klammern", sollen die Frauen mit seinem Segen halt eine Kleinigkeit ändern - wenn nur ja das Andreas-Hofer-Lied nicht angetastet wird. Die Worte, an die sich Khol umso heftiger klammert:

Doch als aus Kerkergittern
Im festen Mantua
Die treuen Waffenbrüder
Die Händ’ er strecken sah,
da rief er laut: Gott sei mit euch,
Mit dem verratnen Deutschen Reich,
Und mit dem Land Tirol.

Muss auch nicht sein, oder? Vielleicht könnte man da eine Andrea hineinschmuggeln.

Oder Kärnten, wo man besonders stolz auf die vierte, nachträglich hinzugefügte Strophe ist, in der es heißt:

Wo man mit Blut die Grenzen schrieb
Und frei in Not und Tod verblieb.

Da wird auch nicht jeder stolz darauf sein.

Also lasst die Töchter hochleben, dann forsten wir die Landeshymnen durch, und für Wien wird auch noch eine gefunden werden. Hier könnte man sich der Vorlagen aus dem Wienerliedgut bedienen, in dem längst die heimlichen Hymnen schlummern: Es wiad a Wein sein . . . oder, sogar staatstragend: Die Reblaus.

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