Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Die Sprachzerstörung

Österreich steht vor spannenden Landtagswahlen. Aber niemand debattiert, wie gut oder schlecht die Steiermark regiert wird, oder was es über den moralischen Zustand des Landes aussagt, wenn die Kommunisten wirklich den prognostizierten Erfolg erzielen sollten. Nein, wir debattieren den Text der Bundeshymne, in der - ausgerechnet - Paula von Preradovic auf die Frauen "vergessen" haben soll, wie ein ZiB-Redakteur behauptete.

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Die ganze Diskussion um die angeblich diskriminierende Sprache beruht auf einem Missverständnis, das in letzter Zeit gemäß dem Motto "Wenn ich keine Sorgen habe, mache ich mir welche" urplötzlich mancherorts in Mode gekommen ist: nämlich auf der Verwechslung von natürlichem mit grammatikalischem Geschlecht. Denn weder ist "das Mädchen" dem natürlichen Geschlecht nach eine Sache noch "der Engel" ein Mann (in den meisten künstlerischen Darstellungen werden Engel jedenfalls seit jeher als Frau abgebildet).

Als Beweis, wie absurd, sprach- und sprechwidrig die Formulierungen der Artificial Correctness sind, dienen deren eigenen Texte. Diese zeichnen sich durchwegs durch eines aus: absolute Unleserlichkeit. Da wimmelt es von "seiner/m/ihrer/m", von "Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen", von "Studierenden" oder gar von unaussprechlichen "ÖsterreicherInnen". Nur über Ausdrücke wie "der Gast" (auch wenn der eine Frau ist) oder "die Elite" (auch wenn Männer gemeint sind) müssen die Sprachzerstörer noch brüten.

Als sich unlängst in einer Runde jemand im Mühen um solche Korrektheit ständig die Zunge verrenkte, warf eine Zuhörerin zum Gelächter der Übrigen trocken, aber vernichtend ein: "Du redest ja wie ein Politiker."

Es ist in der Tat kein Zufall, dass diese Kunstsprache sich nur in Politik und Universitäten durchgesetzt hat. Beiden Bereichen macht man ja nicht gerade den Vorwurf der Menschennähe. Und es ist kein Zufall, dass noch kein um Leserlichkeit bemühter Literat jene Kunstsprache benutzt hat.

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