Peter Handke hat ein neues Stück vollendet

Der Autor im Exklusiv-Interview für NEWS über seinen Konservativismus, seine Haltung zum Papst und seine Präferenz für Angela Merkel und seinen Ärger über Günter Grass

Wien (OTS) - Peter Handkes neues Stück ist fertig und harrt der Überarbeitung. Das lässt der nahe Paris lebende österreichische Autor in einem Exklusiv-Interview für die morgen erscheinende NEWS-Ausgabe wissen. Handke: "Ein kleines Stück so wie ein Film, mit einer Endlosdramaturgie des Kommens und Gehens. Es heißt ,Spuren der Verirrten’ - kleine Szenen auf der Straße, ganz fragmentarisch, ein kleiner Dialog oder ein Schrei. Immer zwei oder drei Menschen, denen entweder soeben etwas Furchbares passiert ist oder passieren wird." Zeit und Ort der Uraufführung stehen noch nicht fest.

Im Interview nimmt Handke zu seinem Selbstverständnis als Dichter und politischer Mensch Stellung. Er sei ein Konservativer, bestätigt Handke. "Ich möchte am liebsten alles bewahren. Ich bin geizig im Zugrundegehenlassen von Formen, die Seelenmusik haben. Deswegen bin ich konservativ, und zugleich bin ich ein empörter Mensch." Diese Position bestätigt er durch Aussagen zur Katholischen Kirche. Karol Wojtyla sei "kein großer Papst" gewesen,"kein großer Mensch, sondern ein Herrenmensch. Ich habe gesehen, wie er die lateinamerikanischen Befreiungstheologen niedergeschrien hat. Er hat den Ustascha-Kardinal Stepinac selig gesprochen und damit sein eigenes Urteil verkündet. Ihn heilig zu sprechen, finde ich den totalen Irrtum. Ratzinger ist sehr klug, aber mir fällt es schwer, einen Hitlerjungen als Papst zu sehen. Wäre ich wie er mit dem Kainszeichen herumgelaufen, hätte ich die Wahl abgelehnt. Warum hat er nicht Widerstand geleistet? Einer, der jetzt Papst wird, muss damals Widerstand geleistet haben. Da hilft kein rhetorisches Herumreden über die Versöhnung. Ansonsten bin ich mit ihm total einverstanden, weil er sich wieder auf die Heilige Schrift konzentriert. Und das mit den Abtreibungen ist wirklich ein Problem. Mit der Pille ist es klar. Das soll jeder entscheiden. Aber die Tötung des Lebens ist schon etwas anderes. Wann bringt man ein Wesen, ein Gebilde, dem schon das Urbild eingehaucht ist, im Mutterleib um?" Er, Handke, selbst besuche nach Möglichkeit jeden Sonntag die russisch-orthodoxe Kirche in Chaville.

Handke äußert sich im Interview auch über Schriftstellerkollegen. Als "genial" bezeichnet er seinen verstorbenen Freund Wolfgang Bauer, als "genialisch" den gleichfalls verstorbenen Dramatiker Werner Schwab. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sei "nicht genial, sondern von A bis Z eine Virtuosin. Das ist etwas völlig anderes." Wenig Gutes findet er an Günter Grass. Handke über politische Dichter und dichterische Politiker: "Das Dichterische ist ja nur, dass ein bissl ein anderer Wind zwischen den Sätzen weht, ein Tonfall, eine Nachdenklichkeit, nicht mehr. Kreisky hatte etwas Dichterisches, sogar Willy Brandt. Der war manchmal dichterischer als Günter Grass, dieser aus Pappendeckel gefertigte Helmut Schmidt. Grass war drei Jahre ein Genie, und dann wurde er staatstragend. Man kann nur kurz Genie sein im Leben. Die Jugend hat das Genie. Zwanzig-, Fünfundzwanzig-, Dreißigjährige, die greifen es aus der Luft. Dann muss man sich auf die Pilgerschaft machen: In Deutschland wird man staatstragend, in Österreich folgt die Tragik. Da bin ich lieber Österreicher. Wolfgang Bauer war mehr Genie als Grass. Er hat es wenigstens noch einmal gesucht, diesen klaren, bitteren Rausch. Und dann ist er ins Abseits geraten."

Offenen Abscheu äußert Handke gegenüber den Grünen: "Die haben überhaupt kein Hintergrundleuchten, was ja ein anderer Ausdruck für Kultur ist. Die Grünen sind die Opportunisten unserer Zeit. Der Konservative hat einen Hintergrund, hat etwas gelesen, hat Kultur und Musik in sich. Die scheußlichen Neonazis kann man wenigstens bekämpfen. Aber die Grünen sind wie die grünen Männchen vom anderen Stern, mit einem Stengel auf dem Kopf, und aus den Zehen wächst ihnen ein welker Grashalm. So maulen sie sich durch die Welt."

Im Kanzleramt sähe Handke lieber Angela Merkel als Schröder: " Sie hatte bisher keine Gelegenheit, Untaten zu begehen, deshalb würde ich sie vorziehen. Aber wenn sie an der Macht ist, hat sie die Gelegenheit. Kein Mensch darf an die Macht streben, das ist eine Perversion an sich. Außer, er will etwas Gutes tun, dann vielleicht. Vielleicht gibt es ja einen dämonisch Guten, nicht nur dämonisch Schlechte. Jesus und Buddha waren dämonisch gut. Bei Mohammed bin ich mir nicht mehr so sicher."

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