"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Jamaika bald bei uns" (Von Frank Staud)

Ausgabe vom 24. September 2005

Innsbruck (OTS) - Auch wenn die Gespräche zwischen der CDU/CSU mit den Grünen über eine mögliche Koalition mit der FDP am Freitag vorerst gescheitert sind, ist in Deutschland noch lange nicht entschieden, wer künftig das Land regiert. Die aufgrund der Parteifarben Schwarz, Gelb und Grün Jamaika-Koalition genannte Variante kommt spätestens dann wieder aufs Tapet, sollte eine große Koalition zwischen Schwarz und Rot in Deutschland scheitern.

Da sich sowohl CDU/CSU als auch die SPD auf ihre Kanzlerkandidaten Angela Merkel und Gerhard Schröder festgelegt haben, dürfte ein solches Regierungsbündnis kaum zustande kommen. Einzige Möglichkeit wäre, wenn Merkel und Schröder den Weg für einen Kompromisskandidaten als Kanzler freimachen würden.

Ein solcher müsste wohl überparteilich sein und von der Bevölkerung als eine Art Übervater akzeptiert werden, dem man zutraut, das lecke Schiff Deutschland wieder flott zu machen. In Bayern wurde bereits vor der Wahl Bundespräsident Horst Köhler als Kandidat fürs Kanzleramt gehandelt. Ob der frühere Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds (IWF) bereitstehen würde, ist eine andere Frage. Von seiner Kompetenz und Beliebtheit bei den Bürgern wäre Köhler auf jeden Fall ein möglicher Name.

Während Deutschland also auch eine Woche nach der Wahl vor einer vollkommen offenen politischen Zukunft und einer Vielzahl ungelöster Wirtschaftsprobleme steht, fragen sich Politikinteressierte, ob eine derartige Konstellation auch in Österreich eintreten könnte. Und ein Blick auf aktuelle Meinungsumfragen bestätigt, dass nach der Nationalratswahl, die für Herbst 2006 geplant ist, auch bei uns eine große Koalition die wahrscheinlichste Variante ist.

ÖVP und SPÖ liegen derzeit je nach Institut zwischen 35 und 40 Prozent Zustimmung. Der derzeitige Koalitionspartner BZÖ liegt bei rund fünf Prozent, ebenso die FPÖ. Zünglein an der Waage wären also die Grünen, denen in Umfragen bis zu 13 Prozent zugetraut werden. Aber nicht zuletzt Deutschland ist der beste Beweis, wie weit die Meinungsforscher von den tatsächlichen Entscheidungen der Wähler oft entfernt sind. Durchaus möglich, dass ÖVP und SPÖ nach der Wahl unter 40 Prozent bleiben und weder Orange, Blau noch Grün über zehn Prozent kommen. Dann bliebe auch in Österreich nur Schwarz-Rot oder Jamaika, also eine Koalition aus drei Parteien.

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