"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Ungeliebtes Brüssel"(Von Frank Staud)

Ausgabe vom 23. 9. 2005

Innsbruck (OTS) - Dass die Tiroler auch zehn Jahre nach dem
Beitritt zu den größten EU-Skeptikern gehören, ist nicht neu. Ob Tirol bei einer neuerlichen Volksabstimmung noch einmal Ja zu Brüssel sagen würde, ist fraglich.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen machen viele die Europäische Union für Tirols Transitdebakel verantwortlich. Zum anderen wird der Euro für den Preisschub im Lande geprügelt. Hinzu kommt, dass die Brüsseler Zentralisierer nur schwer mit unserer föderalistischen Mentalität in Einklang zu bringen sind.

Dass der Beitritt Tirol unzählige Vorteile brachte, ist kaum zu hören. Wo stünde die heimische Wirtschaft, könnte sie nicht schrankenlos ganz Europa bedienen? Und wer möchte nach einem Einkauf in Sterzing wieder vor dem Zöllner am Brenner zittern? Oder in München fürchten, dass der gute, alte Schilling als Währung erst gar nicht akzeptiert wird?

Das größte Problem der Union ist, dass sie fernab von den Bürgern agiert. Wir Mitglieder verstehen schlicht und einfach vieles nicht, was in Brüssel passiert. Zudem ist die EU auch immer ein dankbarer Sündenbock, wenn heimische Spitzenpolitiker nicht mehr weiter wissen. Franz Fischler kann ein Lied davon singen.

Dennoch bleibt, dass Tirol in Brüssel bisher viel zu wenig Flagge zeigte. Unser Bundesland wird in der EU-Hauptstadt nur auf das leidige Thema Transit reduziert. Viele Chancen, die Brüssel bietet, bleiben ungenutzt. Ein Blick nach Südtirol genügt, um zu sehen, welche finanziellen Mittel aus den EU-Töpfen lukriert werden können, wenn geschickt lobbyiert wird.

Das neue Tirol-Haus, Tirol-Villa, wäre wohl passender, ist eine enorme Chance. Diese Räumlichkeiten müssen mit Leben erfüllt werden. Tirol sollte die entscheidenden Mitarbeiter der Institutionen und Meinungsbilder immer wieder einladen. Daher wäre es wohl sinnvoll, einen fixen Tirol-Chef in Brüssel zu installieren. Rotierende Landhaus-Mitarbeiter können diesen bestenfalls ergänzen.

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