DER STANDARD - Kommentar "Rot-Grün ist weg" von Gerfried Sperl

Aber Angela Merkel wird es schwer haben, Kanzlerin zu werden.

Wien (OTS) - Diese "Schicksalswahl" hat eine Erwartung bestätigt:
Rot- Grün wurde abgewählt. Und eine Vermutung der letzten Tage hat sich bewahrheitet: Schwarz-Gelb hat trotzdem keine Mehrheit. Die muss sich Angela Merkel erst holen. Vor allem, weil der Noch-Kanzler Gerhard Schröder alles daransetzen wird, eine Machtübernahme von CDU/CSU zu verhindern.

Zwei Überraschungen kündigten sich bereits nach kleinen Sprengelergebnissen am Nachmittag an. Die eine: Angela Merkel hat ihre Umfragewerte weit verfehlt und ist weit unter der mehrheitsbildenden 40-Prozent-Marke geblieben. Die andere: Die FDP hat unter Guido Westerwelle ein Superergebnis erzielt. Wegen des enttäuschenden Abschneidens der CDU/CSU können die Liberalen trotzdem nicht an den Trog der Macht.

Obwohl vor der Wahl von den Spitzenpolitikern abgelehnt, war die Bildung einer großen Koalition die wahrscheinlichste Variante, wie die künftige deutsche Regierung die von der SPD und den Grünen eingeleiteten Reformen vorantreiben und vor allem verwalten wird.

Sicherlich wird auch die Spekulation über die Realisierung des schwarz-gelben Schreckgespenstes ins Spiel kommen - eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und Linkspartei. Weil deren Exponenten, Lafontaine und Gysi, in einer solchen Konstruktion mit einem Ministeramt bedacht werden müssen, könnte dies das politische Ende für Gerhard Schröder bedeuten.

Jedenfalls hat Schröder während der Wahlkampagne die absolute Führung beansprucht. Die verweigert ihm das Wahlergebnis. Desgleichen steht in den Sternen, ob Angela Merkel auch wirklich Deutschland führen wird. Zu deutlich ist die Botschaft der Wähler: Sie wollten offenbar Schwarz-Gelb oder Schwarz- Rot, aber weniger Merkel als Kanzlerin.

Möglich sind daher die Ampelvarianten, obwohl die CSU die Grünen ablehnt und die FDP nicht mit Schröder gehen will. CDU/FDP/Grün: Das größte Hindernis wäre die Atomfrage und die Bedingung der Grünen, dass Joschka Fischer Außenminister bleibt. SPD/FDP/Grün: Liberale und Grüne haben wirtschaftspolitisch sehr verschiedene Konzepte. Aus diesem Grunde ist eine Wahlwiederholung nicht ausgeschlossen.

Warum sind CDU und CSU unter ihren Möglichkeiten geblieben? Man ahnte es, als die Diskussionen um die vom CDU-Finanzexperten Kirchhoff propagierte Flat Tax selbst innerhalb der Merkel- Partei begann. Zu stark erinnerten sich die Deutschen an das frühe Zerwürfnis zwischen Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, der Beginn des Abstiegs der SPD. Soll sich das in der CDU wiederholen? Das dachten sich wohl viele Wechselwähler. Die zweite Störung lieferte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, als er die ostdeutschen Wähler brüskierte. Auch das könnte Merkels Vormarsch abgebremst haben.

Es ist vermessen zu glauben, die SPD hätte die CDU/ CSU schlagen können, wäre es nicht zur Bildung einer Linkspartei gekommen. Lafontaine, der deutsche Hirschmann, hat Schröder jedoch ganz sicher jede Chance auf gesichertes Weitermachen vermasselt.

Unter seinem Wert schnitt Joschka Fischer ab. Trotz seines gewaltigen Einsatzes gelang es ihm nicht, sich selbst und den Grünen zum Erfolg zu verhelfen. Vor allem die Liberalen sind den Grünen diesmal weit davongezogen.

Aus dem deutschen Wahlergebnis Schlüsse für Österreich zu ziehen ist verfrüht. Relevant ist jedoch, ob die künftige deutsche Regierung ein psychologisch günstiges Klima für die Wirtschaft erzeugen kann.

Ein kleiner Trend führt uns jedoch zur Wirklichkeit der ersten Herbstwahl in Österreich: zu jener in der Steiermark. Er sei kein Kommunist, sagte ein Wiener Kabarettist dem Standard. Jedoch: "Die Vollgasgesellschaft und der Wirtschaftsdruck" eröffneten Chancen für eine (kommunistische) Linke. Ihr deutsches Abschneiden und die Umfragewerte von Ernest Kaltenegger sind ein Indiz.

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