"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die seelische Verwahrlosung und die Ohnmacht der Lehrer" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 16.09.2005

Graz (OTS) - An den Rändern von Paris gibt es Schulen, wo die Jugendlichen in der Früh vor dem Eingangstor mit Metalldetektoren auf Waffen untersucht werden. Punkt acht schließen sich automatisch die Türen der Klassenzimmer und lassen sich erst wieder von innen und außen öffnen, wenn die Stunde vorüber ist. Anders könne die Sicherheit von Lehrenden und Lernenden nicht gewährleistet werden, heißt es. Heißt das auch bald bei uns?

Eine schlimme Vorstellung, aber der Tod eines 14-jährigen Jugendlichen in Wien, der in der Klasse von einem Mitschüler niedergestochen wurde, nimmt einer solchen Frage plötzlich das Abwegig-Absurde. Die Gewalttat führt vor Augen, dass die Schule kein heiler, von der Gesellschaft abgeschotteter Ort der Menschenbildung ist, nie war. Die Brüche draußen spiegeln sich auch innerhalb der Schultore.

Einer dieser Risse manifestiert sich in der erhöhten Bereitschaft zu roher Gewalt unter Heranwachsenden. Der Befund wird von Jugendforschern bestätigt, wiewohl er keinen pauschalen Alarmismus rechtfertigt: Aggression, mit dem Körper ausgetragene Kämpfe um Macht und Status, das hat es immer gegeben, die Internatsliteratur ist voll davon.

Was sich geändert hat, ist der Grad der Brutalität. Die Hemmung zuzustechen, auf einen am Boden Liegenden gezielt zu treten, hat abgenommen. Es sind Einzelfälle, aber sie schockieren in ihrer Monströsität.

Die Frage nach dem Woher führt zu den gängigen Erklärungsmustern, die für sich genommen Klischeesplitter sind, aber in Summe vermutlich doch an den Kern rühren:

Die Enthemmung durch die spielerische Simulation von Gewalt am Computer. Die explosive Gleichzeitigkeit von Dauerüberreizung und Dauer-leere. Gewalt als verinnerlichte Form der Konfliktlösung, weil diese jungen Täter daheim nie eine Alternative dazu gelernt haben. Der Zerfall der Familien. Die seelische Verödung, die keine Schule mehr rückgängig machen kann. Das Gefühl von Ohnmacht, im Kampf um Arbeit und Erfolg bestehen zu können. Die Beziehungsarmut, verstärkt durch die elektronischen Kommunikationsmittel. Letztlich immer:
Gewalt als Ausdruck von Sprachlosigkeit.

Die Schule ist, so wie sie ist, als Heilanstalt heillos überfordert. In Skandinavien hat jedes Kollegium einen Konfliktmanager, hierzulande sind Lehrer auf sich allein gestellt. Sie haben gelernt, Fächer zu unterrichten. Wie man mit Aggression umgeht, wie man Verstummten wieder eine Sprache gibt, ehe sie losschlagen, darüber hat ihnen an der Uni nie jemand was erzählt.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001