DER STANDARD-Kommentar: Die irakische Tragödie

Momentan verhindert nur die Präsenz der US-Armee einen Bürgerkrieg -von Gudrun Harrer

Wien (OTS) - Es besteht eine vage Hoffnung, dass gerade die ungeheuerliche Ansage des Abu Musab al- Zarkawi die Menschen im Irak wachrüttelt und sie von der Schwelle des Bürgerkriegs zurückreißt:
Tatsächlich waren am Donnerstag, einen Tag nachdem Zarkawi den irakischen Schiiten den Krieg erklärt hatte, die Solidaritätsbekundungen von irakischen sunnitischen Gruppen zahlreich, auch von solchen, die gegen den Verfassungstext sind. Vielleicht kommt es ja zu einer Erhebung der Vernunft und der Humanität.

Die irakische Tragödie bahnt sich seit Längerem an, die deutlichen Zeichen wurden ignoriert, von den USA aus Hilflosigkeit und Indolenz, von den Irakern selbst, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Bereits vorigen Sommer kam es im Süden von Bagdad zu Kämpfen zwischen sunnitischen und schiitischen Stämmen, wobei Verstümmelungen von Toten ein Hinweis darauf waren, dass man dem jeweils anderen mehr antun wollte, als ihn "nur" umzubringen.

Es folgte ganz klar strategisch angelegter sunnitischer Terror in gemischten Gebieten um Bagdad, der auf Vertreibung angelegt war. Das ist teilweise gelungen, wobei besonders Schiiten, die erst in den vergangenen Jahrzehnten in der Peripherie Bagdads zugezogen waren, wieder in den Süden zurückgekehrt sind. Aber dort leben auch alteingesessene schiitische Stämme.

Die Bluttat von Taji, bei der am Mittwoch 17 Angehörige eines solchen Stammes auf dem Dorfplatz erschossen wurden, gehört in diesen Kontext. Bagdad soll durch einen "schiitenreinen" Gürtel eingekreist werden.

Das Schlimme ist, den echten wahhabitisch geprägten Extremisten vom Schlage eines Zarkawi geht es tatsächlich nicht nur um Macht und Verteilung von Ressourcen im Irak, sondern sehr wohl auch um religiöse Ideologie. Das Verdienst, schiitische Ketzer, denen wegen ihrer Imam-Verehrung der Monotheismus abgesprochen wird, umzubringen, ist mindestens so groß wie der, die Amerikaner zu bekämpfen. Die Namen von neuen sunnitischen Gruppen sind viel sagend, sie betonen die "Einheit" Gottes - die die Schiiten angeblich verletzen.

Das heißt natürlich auch, dass der Hass der Kaida auf die Schiiten nicht auf den Irak beschränkt ist. Wer etwa mit einer Destabilisierung Syriens liebäugelt, sollte dieses Szenario - in dem Fall wären die Alawiten das erste Angriffsziel - gleich mitdenken.

Im Irak befinden sich die USA in einem unlösbaren Dilemma. Nur eine starke, funktionierende irakische Armee, die von einer Zentralregierung kontrolliert wird, könnte sie von ihren Verpflichtungen befreien. Immer wieder wird von den Schwierigkeiten bei der Aufstellung und Ausbildung dieser Armee berichtet. Die Wahrheit ist, dass die USA ein starkes, autosuffizientes Militär im Moment gar nicht zulassen können und wollen: Es darf sich immer nur um bessere Polizei-Hilfstruppen für die US-Armee handeln, denen schwere Waffen vorenthalten werden müssen. Alles andere hieße, einen etwaigen Bürgerkrieg auch noch mit großem Gerät zu bewaffnen.

Die Hoffnung, auf dem Weg über eine Verfassung einen nationalen Konsens zu erreichen, ist gescheitert - sie ist im Moment eher Sprengstoff denn Kitt. Die Hoffnung ruht nunmehr ganz auf der vernünftigen Mehrheit.

Ethnisch gibt es zwischen irakischen Schiiten und Sunniten keine Unterschiede, obwohl es natürlich eine gewisse iranische Zuwanderung um die heiligen schiitischen Stätten im Süden gab. Grausamerweise hat gerade der Krieg gegen den Iran zur Nationswerdung des Irak beigetragen - in der irakischen Armee kämpften hauptsächlich Schiiten als einfache Soldaten gegen iranische Schiiten.

Mischehen sind in bürgerlichen Kreisen selbstverständlich. Leider weiß man von Jugoslawien, dass das die Volksgruppen, wenn es so weit ist, nicht daran hindert, übereinander herzufallen. Im Moment trennt nur die Präsenz der US-Armee die Iraker von diesem Schicksal. Die USA müssen verhindern, was sie selbst ausgelöst haben.

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