DAS ENDE DES JOURNALISMUS Buchpräsentation im Hohen Haus

Wien (PK) - Gehört der Beruf des Journalisten heute zu den vom Aussterben bedrohten Berufen, teilt er das Schicksal mit Berufen wie dem des Wagners und des Fassbinders? Droht also "Das Ende des Journalismus"? Hat das "Infotainment" längst die journalistische Qualitätsarbeit abgelöst, zum letztendlichen Schaden der Demokratie und damit auch des so nur noch unterhaltenen Publikums? Diesen Fragen ist Ernst Sittinger, Leitender Redakteur der Tageszeitung "Die Presse", nachgegangen, und sein Buch wurde heute von Nationalratspräsident Andreas Khol im Parlament einem interessierten Publikum aus Politik und Medien präsentiert.

Nach einleitenden Worten von Nationalratspräsident Andreas Khol (siehe dazu PK Nr. 668) und Leykam-Geschäftsführer Wolfgang Hölzl sprach Univ.-Prof. Dr. Christoph Grabenwarter zum Thema "Medienfreiheit in Österreich". Grabenwarter ging in seinem Kurzreferat von der grundlegende Kontrollfunktion der Medien als "public watchdog" und als "Unruh der Staatsuhr" aus. Während im 19. Jahrhundert die Bedrohung der Pressefreiheit vor allem vom Staat ausgegangen sei, ginge sie heute zunehmend von Privaten aus. Grabenwarter skizzierte dann vier aktuelle Konfliktzonen, die Medienunternehmer und Journalisten als Grundrechtsträger sowie die Objekte der Berichterstattung als Grundrechtsträger betreffen, schließlich das Redaktionsgeheimnis und schließlich die Medienkonzentration. Die "innere Pressefreiheit" bedürfe eines besonderen Schutzes, sagte Grabenwarter. In der Frage der Medienkonzentration dürfe man von der Politik nicht zu rasche und einfache Antworten erwarten, doch sei ein Eingreifen bei "Elefantenhochzeiten" in einem kleinen Markt wie Österreich im Zusammenhang mit dem daraus resultierenden Schrumpfen des Arbeitsmarkts für Journalisten geboten. "Die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU hilft da wenig", sagte der Verfassungsrechtler.

Der Autor des Buches fasste bei der Präsentation im Abgeordneten-Sprechzimmer des Parlaments die Thesen seines Buches zusammen. Ernst Sittinger tat dies in Form eines paradox überzeichneten Gegenbilds zu der in seinem Buch gezeichneten Wirklichkeit: Der Journalismus ist gar nicht bedroht, die Qualitätsmedien erfreuten sich einer marktbeherrschenden Stellung usw. - mit einem Wort: Keine Rede vom "Ende des Journalismus".

DAS BUCH

Der Titel seines Buchs sei in vielfältiger Weise angreifbar, räumt Sittinger schon im ersten Satz seines Buchs ein: "Er tut das, was Journalisten im Grunde immer tun, wenn sie ihren Beruf ausüben. Er vereinfacht und vergröbert auf plakative Weise einen Sachverhalt, der sich bei näherer Betrachtung wesentlich differenzierter darstellt." Diese differenzierte Darstellung besorgt Sittinger dann auf rund 200 Seiten. Er beschreibt die - auch personelle - Sklerose der Qualitätsmedien, das Übergewicht der diversen Öffentlichkeitsarbeiter gegenüber den recherchierenden und der Aufklärung verpflichteten Journalisten, den Druck der Ökonomisierung, die Schwerpunktverschiebung von der Genauigkeit zur Geschwindigkeit, die enormen Veränderungen im Zusammenhang mit dem Einzug der Elektronik in die Welt der Medien, die Entwicklung zum Infotainment als Reaktion auf den - vielfach wohl nur vermuteten - Geschmack und Bedarf des Publikums usw.

Dem klassischen Journalismus gehe es ähnlich wie dem Tankwart beim Aufkommen der Selbstbedienungstankstellen, dem Schaffner in der schaffnerlosen Straßenbahn oder dem Greißler im Supermarktzeitalter:
"Seine Dienste als Spezialist sind entbehrlich geworden, weil sich jeder selbsttätig holt, was er braucht. Die interaktiven Medien deaktivieren die Journalisten." Gerade in der täglich Flut der Neuigkeiten - Sittinger zitiert das Schlagwort "overnewsed, but underinformed" - wäre der Journalist als hochspezialisierter Wissensexperte gefragt, der die vielen Fakten einordnet, erklärt, Zusammenhänge herstellt und Hintergründe ausleuchtet. Ausführlich geht Sittinger in dem Buch auf die Frage der Ausbildung ein -Learning by doing in der Redaktion versus akademischer Ausbildung -und konstatiert die prekäre Situation in Redaktionen, in denen kaum Raum und Zeit für eine solide Ausbildung bleiben.

Der Autor kommt auch auf das Thema Parlament zu schreiben, wobei er Antje Vollmers provokante Frage zitiert: "Wenn die Entscheidungen in der Regierung fallen und die Debatten in den Medien stattfinden, was macht dann noch das Parlament?" Sittingers Befund ist allerdings, dass nicht einmal die Debatten in den Medien in einer angemessenen Weise stattfinden. Allgemeiner und journalistisch zugespitzt gefragt:
Könnte es sein, dass es wohl eine Gewaltenteilung gibt, dass aber die Verteilung aus dem Gleichgewicht geraten ist, die "checks and balances" und die "balance of power" aller in der Gesellschaft wirkenden "Gewalten" problematisch sind und zumindest ein signifikantes Übergewicht der Exekutive (im weitesten Sinn) gegeben ist? Das Buch Ernst Sittingers stellt viele wichtige Fragen, und es regt zu weiteren Fragen an.

Ernst Sittinger: Das Ende des Journalismus. Plädoyer für einen bedrohten Beruf. Das Buch ist bei Leykam erschienen, hat 208 Seiten und ist zum Preis von € 19,80 im Buchhandel erhältlich. (Schluss)

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