"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die ganz große Umarmung mit Amerika gibt es diesmal nicht" (von Peter W. Schroeder)

Ausgabe vom 12.09.2005

Graz (OTS) - Gestern jährte sich zum vierten Mal die Katastrophe der Terroranschläge des 11. September 2001. Doch diesmal blickte die Welt nicht nach New York mit den verschwundenen Türmen des World Trade Center, sondern auf das vom Hurrikan "Katrina" verwüstete New Orleans und auf die anderen Küstengebiete am Golf von Mexiko.

Die Welt nimmt Anteil am Schicksal der Toten und der Überlebenden, aber die große Flut wird nicht als wahrhaft welterschütterndes, sondern gleichsam als lokales Ereignis eingestuft. Die große Umarmung Amerikas, die es vor vier Jahren gab, findet diesmal nicht statt.

Das mag etwas damit zu tun haben, dass der 11. September vor vier Jahren weltweit ein Gefühl des Bedrohtseins auslöste, das sich bei einer Naturkatastrophe zwangsläufig nicht einstellt. Aber die jetzt zu registrierende Gefühlskälte hat in Wahrheit tiefe politische Gründe. Einer davon ist, dass die amerikanische Regierung sowie der Präsident in Washington die Verbundenheit und die Anteilnahme schlecht vergolten haben. Auf die weltweiten Demonstrationen der Solidarität und Gemeinsamkeiten reagierte George W. Bush mit amerikanischen Alleingängen.

Da mögen Regierungen noch so oft die "Wertegemeinschaft" und die unverbrüchliche Freundschaft beschwören: Der amerikanische Irak-Krieg, der leichtfertige Washingtoner Umgang mit dem Völkerrecht und das selbst reklamierte Recht auf Präventivkriege haben die Zuneigung zu und das Vertrauen in das amorphe "Amerika" bei vielen Menschen in der Welt leiden lassen. Aus dem bedingungslosen Mitleiden nach dem 11. September 2001 wurde da nach der "Katrina"-Katastrophe zwangsläufig kritische Anteilnahme. Denn was viele Menschen in aller Welt nach der Katastrophe am Golf von Mexiko erkennen, ist abstoßend und erschreckend.

Die vielen Unfähigkeiten und Versäumnisse des "Staates" beim Katastrophenschutz und der Katastrophenbewältigung mögen erklärbar und vielleicht auch entschuldbar sein. Die sichtbar gewordene Zwei-Klassen-Gesellschaft in den Vereinigten Staaten, das, was nicht nur Afro-Amerikaner "ökonomischen Rassismus" nennen, ist aber nicht entschuldbar .

Sicher ist, dass sich die Welt unterschiedslos vor den Opfern des 11. September 2001 wie den Opfern der großen Flut vier Jahre später verneigt. Die amerikanische Politik hat in den vergangenen vier Jahren jedoch viel "Goodwill" verspielt. Die Flutkatastrophe hat nichts verändert, sie macht nur neue Realitäten deutlicher. ****

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