"Kleine Zeitung" Kommentar: "Forum politischer Mitteilung: Gladiatorenspiel im Fernsehen" (Von Stefan May)

Ausgabe vom 06.09.2005

Graz (OTS) - Am Tag danach gibt es ausschließlich Sieger. Tatsächlich war einiges anders als bei den Duellen vor drei Jahren zwischen Schröder und Stoiber: weniger steif, mehr Dialog. Der Titelverteidiger hat das Duell gewonnen, sagen die Umfragen, die für die Wahl chancenreichere Kontrahentin hat besser abgeschnitten als erwartet. Ein gerechtes Ergebnis, mit dem beide Lager zufrieden sein können?

Vielleicht. Jedenfalls ist ein Schauspiel zu Ende gegangen, das in manchen Phasen der Vorbereitung und Umsetzung, selbstverständlich nicht in Bezug auf die Brutalität, den Gladiatorenspielen der Antike nicht unähnlich ist. Brot und Spiele will das Volk, Arbeitsplätze und gegebenenfalls auch die Abendunterhaltung, in der mitzuerleben ist, wie sich jene in die Haare bekommen, für oder gegen die man in der Wahlzelle den Daumen hebt oder senkt.

Grundsätzlich sind Fernsehduelle von Politikern aber schlechte Orte zur Erläuterung von deren Programmen. Demografischer Faktor? Zweite Säule der Rentenversicherung? Wie ging das doch gleich? Wer hat da nun Recht? Wer mogelt?

Es bleibt wenig Zeit für Erklärungen beim Hetzen durch alle Bereiche der politischen Landschaft. Viel lieber und entspannter schaut man doch auf den Sitz der Krawatte oder des Kostüms. In erster Linie bedient Fernsehen die emotionale Ebene: Wie reagiert ein Politiker? Ist er schlagfertig, witzig, souverän? Das kann in die Irre führen, denn der Blender kann punkten und der ehrliche Makler auf der Strecke bleiben.

Deshalb hatte sich Angela Merkel auch nur zu einem TV-Duell breitschlagen lassen. Möglicherweise hat sie jetzt Geschmack daran gefunden. Fürs nächste Mal. TV-Duelle sind Spiegelfechten: Argumente schön und gut, doch die Verpackung ist wichtiger. TV-Duelle werden auch auf absehbare Zeit nicht die Wahlkampfauftritte zwischen Holzkirchen und Castrup-Rauxel ersetzen.

Die Touren der kreuz und quer durchs Land ziehenden Politikertruppen sind Politik zum Anfassen, Bestätigung der eigenen Meinung und ein Stückweit dramatisierte Verlesung des Parteiprogramms. Fernsehkonfrontationen sind in unserer Gesellschaft wichtig - solange sie nicht inflationär werden und zu Talkrunden verkommen.

Sie sind interessant, weil die Bewerber mit ihren Wahlkampfformeln, anders als auf den Plätzen des Landes, auf ihren Widerpart und damit auf Widerspruch treffen. Foren der Wahrheitsfindung sind sie nicht, alleinige Orte der Entscheidungsfindung sollten sie nicht sein.****

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