DER STANDARD-Kommentar "Ein Duell macht keinen Sieger" von Birgit Baumann

Schröder und Merkel begegnen sich im TV-Studio auf fast gleicher Augenhöhe - Ausgabe vom 6.9.2005

Wien (OTS) - Niemand wurde ohnmächtig, keiner ist ausgerutscht, umgefallen oder verbal besonders ausfällig geworden. Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Konkurrentin, Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel, haben ihr erstes und einziges TV-Duell im Fernsehen ohne größere und gröbere Überraschungen absolviert. Weder der eine noch die andere hatte etwas Neues zu berichten, also kauten Kanzler und Kanzlerkandidatin die alten Themen noch einmal durch. Arbeitsmarkt, Steuern, Wirtschaft - das treibt die Deutschen im Moment am meisten um.

Wesentlich angenehmer als vor drei Jahren, als Schröder gleich zweimal mit dem damaligen Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber live vor Kameras diskutierte, waren die Moderatoren. Zwar übernahmen gleich vier an der Zahl die Rollen der Sekundanten, aber sie fielen den beiden nicht dauernd ins Wort.

Eigentlich hätte man auf sie gänzlich verzichten können. Trotz aller Konkurrenz und des enormen Druckes, der auf ihnen lastete, sprachen Schröder und Merkel sehr zivilisiert miteinander, was vielleicht nicht so sehr die 21 Millionen Zuseher in Deutschland, aber die 300.000 Österreicher, die auch Gerd und Angie schauten, erstaunt haben dürfte. Heimische Fernsehdebatten laufen gelegentlich auf einem ganz anderen Niveau ab, da taugen Schröder und Merkel ja geradezu als Vorbild.

Möglicherweise war Schröder weniger untergriffig als im Wahlkampf vor drei Jahren, weil er diesmal eine Frau gegenüberstehen hatte. Wahrscheinlich haben ihm seine Strategen geraten, nur ja nicht den Macho raushängen zu lassen - und Schröder hat sich daran gehalten. Er gab den erfahrenen Staatsmann, der Merkel zwar ernst nimmt, sich aber nicht wirklich vor ihr fürchtet. Ein paar Mal belehrte er sie mit einer Mischung aus Nachsicht und Belustigung - etwa, als er ihr beim Thema Aufteilung der Mehreinnahmen durch eine höhere Mehrwertsteuer zwischen Bund und Ländern "viel Spaß mit Herrn Stoiber, wenn’s ums Geld geht" wünschte. Verständlich, dass Merkel da ein wenig säuerlich lächelte.

Mit dem Machtpolitiker Stoiber hat die Machtpolitikerin Merkel genug eigene Erfahrungen gesammelt. In die Kategorie "Spaß" fallen diese allerdings nicht.

Viele Zuseher waren überrascht, wie gut Merkel sich schlug. Das ist für die CDU- Chefin einerseits erfreulich, andererseits wenig schmeichelhaft. Denn so schlecht ist sie auch sonst bei Fernsehauftritten nicht. Sicher, sie hatte vor ein paar Wochen eine Phase mit einigen Patzern (die berühmte Brutto-Netto-Verwechslung, ein ungewolltes Bekenntnis zu einer Koalition aus Union und SPD -statt FDP), aber eigentlich wissen die Deutschen, dass sie - genauso wie ihr Medienkanzler Schröder - vor jeder Kamera mehr als drei gerade Sätze zustande bringt.

Merkel war sehr angriffslustig und bestimmte über weite Strecken das Tempo der Debatte. Und dennoch brachte sie klar zum Ausdruck, dass sie keine Oppositionsführerin mit rotzigen Sprüchen ist, sondern eine Politikerin, der man durchaus zutrauen kann, verantwortungsvoll eine Regierung in Berlin zu führen. Sie und Schröder begegneten sich 90 Minuten lang beinahe auf Augenhöhe.

Absehbar waren nicht nur die Themen des Duells, sondern auch die Reaktionen der Zuseher. Sie fanden Schröder besser als Merkel. Dieser kleine Triumph sei dem Kanzler, der wie nur wenige deutsche Politiker das Spiel mit der Kamera beherrscht, gegönnt.

Denn aller Voraussicht nach wird Schröder diesen Erfolg nicht lange auskosten und nicht in einen großen Wahlsieg ummünzen können. Ein gewonnenes Duell rettet Rot- Grün nicht mehr. Die meisten Deutschen haben sich von Gerhard Schröder, Otto Schily, Hans Eichel, Joschka Fischer und den anderen bereits verabschiedet - nicht, weil sie Angela Merkel, Edmund Stoiber und die Konzepte der Union so toll finden, sondern weil sie nach sieben Jahren von Rot-Grün und deren verheerender Bilanz am Arbeitsmarkt genug haben.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001