"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum die US-Obrigkeit am Golf von Mexiko versagt hat" (von Peter W. Schroeder)

Ausgabe vom 02.09.2005

Graz (OTS) - Die Geschichte der Sturm- und Flutkatastrophe am Golf von Mexiko ist eine Geschichte des Schreckens und ihre Beschreibung fällt schwer. "Unser Land ist von einer der größten Naturkatastrophen in unserer Geschichte heimgesucht worden", erklärte US-Präsident George W. Bush. Mississippis Gouverneur Haley Barbour erkannte einen "Schrecken wie Hiroshima".

Das Elend in den betroffenen Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama ist groß. Aber Hiroshima? Nicht nur, wenn Amerikaner Belastungen ertragen müssen, sind sie schnell mit Maßlosigkeiten zur Hand. Aber der Vergleich mit dem Abwurf der ersten Atombombe, die 130.000 Menschen einen grauenhaften Tod brachte und zehntausende weitere verstümmelte und verstrahlte, ist geschmacklos.

Die Maßlosigkeit des Gouverneurs und des Präsidenten bei der Einschätzung dieser Katastrophe weckt den Verdacht des schlechten Gewissens. Es war der Präsident, der vier Jahre hintereinander die für den Deichbau in New Orleans angeforderten Mittel bis auf kümmerliche Restposten zusammenstreichen ließ. Deshalb wurden Dämme nicht verstärkt, die jetzt geborsten sind. Mississippis Gouverneur ließ Nationalgardisten seines Bundesstaates für den Einsatz im Irak einrücken, statt sie in den zerstörten Orten seines Staates Menschenleben retten und für Ordnung sorgen zu lassen.

Und das Versagen der von Politikern dirigierten Behörden ist offensichtlich. Sie alle haben zu spät, zu langsam, nicht ausreichend und oft genug auch falsch reagiert. Reguläre Bürger, die oft genug selbst alles verloren hatten, retteten in Eigeninitiative mehr Menschen von Hausdächern und aus Bäumen als die offiziellen Retter. Auch am vierten Tag der Katastrophe fehlt es im Katastrophengebiet an buchstäblich allem: an Nahrungsmitteln, Wasser, Medikamenten, Stromgeneratoren, Ärzten, Funkgeräten, Booten, Hubschraubern und vor allem an Ordnungskräften zur Verhinderung der Rechtlosigkeit.

Wenn Politiker da von einer der größten Naturkatastrophen der Geschichte und von "Hiroshima" reden, mag das Entstehen des Eindrucks beabsichtigt sein, dass alles so gigantisch ist, dass es die Möglichkeiten zur schnellen und wirkungsvollen Hilfe übersteigt. Damit stehlen sich Verantwortliche aus ihrer Verantwortung, aus der sie niemand entlassen sollte. Nach der planlosen "Befriedung" des Irak ist die planlose Katastrophenhilfe am Golf von Mexiko das zweite große Versagen der amerikanischen Obrigkeit innerhalb kurzer Zeit. Und diese Erkenntnis können auch große Sprüche nicht verwischen. ****

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