DER STANDARD-Kommentar: "Grüner Kuschelkurs" von Gerfried Sperl

Ausgabe vom 2. September 2005

Wien (OTS) - Mit "Leidenschaft" plädiert der grüne Bundessprecher Alexander Van der Bellen für eine bessere Umwelt, für soziale Lösungen und gegen die Ministerin Gehrer. Um im Verlauf der "Sommergespräche" ohne jede Leidenschaft nahezu alles verhandelbar zu machen, was im grünen Programmpaket steht. Man müsse selbst das weiterentwickeln, sagt der Professor. Um, wie er bereits angekündigt hat, den Abfangjägern zuzustimmen und vielleicht auch einer Beibehaltung der Studiengebühren. Die Grünen sind eine normale Partei geworden. Mit verwischten Konturen. Anything goes.

Beispiel Umwelt: Im Burgenland gibt es keine grüne Kritik an der Windräder-Monokultur. Balancierter Einsatz mehrerer alternativer Energien, sagen sie theoretisch. Praktisch schweigen sie, obwohl immer wieder ganze Wagenladungen toter Wildgänse abtransportiert werden. Beispiel Bildung: Die Grünen hätten zwar "kein Patentrezept" (O-Ton Van der Bellen), aber sie sind gegen alles, was Gehrer macht. Obwohl beispielsweise die oberösterreichischen Grünen in der Schulfrage ganz auf ÖVP-Linie liegen. Beispiel Wirtschaft: Anstatt die Forderung nach einer ökosozialen Steuerreform detailliert und mit Beispielen illustriert auszubauen, begnügt man sich auch hier mit oppositionellen Sprüchen.

Selbst in ihrer öffentlichen Darstellung sind sie weit weg vom Gründungsmythos. Hier der "good guy", bei dem es andauernd menschelt und dem man verzeiht, dass er sich nicht einmal das Rauchen abgewöhnt. Dort seine Stellvertreterin Glawischnig, die den "bad guy" spielt, in modischer, für Magazine geeigneter Hülle. Grüne Urgesteine wie Pilz und Öllinger decken nur noch die Flanke zu den Fundis der Partei.

Der Kuschelkurs soll die Grünen in die Regierung tragen.

In irgendeine. Denn die Taktik, sowohl gegenüber Schwarz als auch gegenüber Rot offen zu sein, kann bedeuten: Dieser Führung ist es gleichgültig, bei wem sie landet. Auf jeden Fall an der Adresse Ballhausplatz.

In den Zentralen der beiden Großen nimmt man diese Bereitschaft dankend zur Kenntnis. Es ist kein Risiko mehr, mit den Grünen zu koalieren. Aber ist es umgekehrt auch so?

Tatsächlich laufen die Leute rund um Van der Bellen Gefahr, BZÖ und FPÖ als Mehrheitsbeschaffer abzulösen und in der politischen Wirklichkeit unterzugehen. Der Professor kriegt dann selbst in den Medien keinen Beifall mehr, wenn er etwas nicht weiß. Peter Pilz wird zurückgepfiffen, wenn er wieder einmal was enthüllen will. Die grünen Fichten draußen in den Wäldern und Fluren kommen noch weniger zu Wort als jetzt. Nur die Wiener Linken werden nicht mit Drohungen sparen.

Die größte Gefahr aber ist der Verlust der Konturen. Im Wahlkampf 2006 geht die Polarisierung zwischen Schüssel und Gusenbauer zulasten der Grünen. Sie werden wieder hinter den Umfragen zurückbleiben. Und damit das für sie schlimmste Szenario fördern: eine große Koalition.

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