Lenkt die Ausbildung von der Lösung ab?

Wien (OTS) - ALPBACHER ARCHITEKTURGESPRÄCHE: Namhafte Referenten aus Politik, Wissenschaft und natürlich aus der Architektur selbst diskutierten am 19. und 20. August über den Status Quo der Architekturausbildung in Europa und über die Anforderungen und Chancen der Zukunft - auch und gerade in einer Welt, die sich immer schneller verändert und immer enger zusammenwächst.

"Lasst die Jungen bauen, bevor sie alt sind!" Dies forderte Siegfried Loos von der IG Architektur in einem humorvollen und gleichzeitig sehr eindringlichen Statement. Denn bis ein Architekt die Chance auf ein richtiges Projekt habe, vergehe meist viel zu viel Zeit - ein 45-jähriger gelte in der Branche als jung.

Doch qualifiziert die Architekturausbildung in Europa die Absolventen tatsächlich für die Praxis? Architekturbüros und andere Praktiker haben da so ihre Zweifel: Den einen fehlen bei der Ausbildung die ökonomischen und organisatorischen Grundlagen, andere kritisieren vor allem den Trend zum planenden Architekten, bei dem die Lehre der Basics auf der Strecke bleibe. Meinhard von Gerkan, der derzeit wohl erfolgreichste deutsche Architekt, hat die Erfahrung gemacht, dass die Studenten in der Ausbildung mit vielen scheinbar wichtigen Kleinigkeiten konfrontiert werden, die aber im realen Leben nicht zu Lösungen führen, sondern eher Verwirrung stiften:
Absolventen, so Gerkan, seien kaum in der Lage, eine Gestaltung auch umzusetzen.

Was muss einer können, der die Welt neu entwirft?

Architektur, darin war man sich in Alpbach einig, übernimmt eine wichtige Rolle in der Gesellschaft, sie ist Orientierung und Vision. Denn es ist die eigentliche Aufgabe des Architekten, die Welt oder vielmehr eine bestimmte Situation genau zu betrachten, zu analysieren und so wieder zusammenzusetzen, dass ein zusammenhängendes Bild unserer Welt entsteht und dessen, was aus ihr werden könnte. "Architektur", so formulierte es Aaron Betsky, Direktor des Netherlands Architecture Institute, "verlangsamt unser Lebenstempo, so dass wir die Zusammenhänge begreifen." Ein solcher Architekt braucht universelle Bildung ebenso wie spezifisches Fachwissen - und er muss vor allem konzeptionell denken können. Gerade im ganzheitlichen und konzeptionellen Denken, so von Gerkan, der schon viele Projekte in China realisiert hat, liege die Chance für "abendländische" Architekten. Um seine Gestaltung zu realisieren, muss der Architekt als Dirigent eines großen Orchesters auftreten und den Überblick bewahren: Ein guter Architekt ist Visionär mit Bodenhaftung.

Die Modelle der Architekturausbildung - so vielfältig wie Europa

Ein vielversprechender Architekturstudent braucht Enthusiasmus, die Bereitschaft zu harter Arbeit und Neugier. Aber was braucht ein erfolgreiches Bildungsmodell? Eines wurde in Alpbach jedenfalls klar:
Auf die Struktur des Studiums kommt es kaum an. Denn die Trennung in ein Bakkalaureat und ein darauf aufbauendes Magisterstudium mag vorzeitigen Abgängern mehr Sicherheit geben, berufsqualifizierend ist ein Bakkalaureatsabschluss aber sicher nicht - zumal die jeweiligen Anforderungen sich innerhalb Europas beträchtlich unterscheiden. Viel wichtiger sind andere Dinge - die gründliche Auseinandersetzung mit der Materie selbst, die Förderung der Kreativität und der frühzeitige Praxisbezug. Die meisten Ausbildungsstätten haben dies erkannt, die Schwerpunkte jedoch sind jeweils individuell gesetzt, jede Schule, ob kleinere Institution oder Massenuniversität, hat ihr eigenes Profil. Während bei den einen die Ausbildung von Entwurfsarchitekten - auch "Stararchitekten" oder, böswilliger: "abgehobener Träumer" - im Vordergrund steht, konzentrieren sich andere stärker auf den ausführenden, pragmatischen Architekten. Eine Kombination, verbunden mit früher Praxiserfahrung gibt es selten.

Die große Herausforderung: frühe Praxis

Häufig fehlt den Architekturstudenten daher die Möglichkeit, frühzeitig Kontakte zu Auftraggebern zu knüpfen und so schon während des Studiums an Projekten mitzuarbeiten und wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Doch es gibt auch Bemühungen, gerade dieses Problem anzugehen: Das Berlage Institute in Rotterdam arbeitet eng mit Auftraggebern zusammen, etwa mit der Stadt Rotterdam, und die Studenten sind schon früh gefordert, Lösungen für "reale" Probleme zu finden und umzusetzen. Vielleicht, so Peter Trummer, Professor des Instituts, sei diese enge Kooperation mit Auftraggebern auch in größerem Rahmen möglich - denn das Berlage Institute ist freilich eine sehr kleine Schule. Die intensive Arbeit an "realen" Projekten schon während des Studiums wäre ein Schritt - und wohl der wichtigste - zu einer Architekturausbildung, die für die Praxis qualifiziert:
Damit die Jungen bauen können, bevor sie alt sind.

Mangelware: Auftraggeber mit Gespür

Eines allerdings haben die Diskussionen auch gezeigt: Damit gute Architektur tatsächlich entstehen kann, braucht es nicht nur gute Architekten, sondern auch Auftraggeber, die ein Gespür haben für gute Architektur, Menschen, die kreativ und offen sind. Denn auch wenn die Lösung selbst Aufgabe des Architekten ist: Es ist immer der Auftraggeber, der die vorgeschlagene Lösung annehmen muss. Vor allem aber ist er es, der die Aufgabe des Architekten - das "Problem" - zu aller erst formuliert. Und deshalb sollte er seine Bedürfnisse und Wünsche kennen. Er sollte wissen, was er sich von der Gestaltung des Raumes - des Wohnraums wie des öffentlichen Raumes kurz: seines Lebensraums - erwarten kann. Welches Gefühl und welche Vision soll dieser Raum vermitteln? Auftraggeber brauchen ein emanzipiertes Verhältnis zur Architektur. Damit sie sich nicht sklavisch an vergangene Formen klammern, sondern offen sind für neue Gestaltungsmöglichkeiten, die abgestimmt sind auf unsere jetzigen und zukünftigen Bedürfnisse. Solche Auftraggeber aber sind selten: Doch kann Offenheit und Kreativität überhaupt entstehen, wenn wir auch neue Schulen häufig noch immer bauen wie in der Kaiserzeit?

Mehr Kreativität von Anfang an!

Der Raum bestimmt Atmosphäre und Bewusstsein - im Fall unserer Schulen scheint dies zu stimmen: Auch die Bildungskonzepte selbst sind nicht ganz aktuell, jedenfalls was die Förderung der Kreativität und eines Grundverständnisses für Architektur und Wohnqualität betrifft. Lale Cabuk, Schülerin der Sir Karl Popper Schule in Wien hat die Erfahrung gemacht, dass die gewöhnlichen Schulen sogar eher kreativitätshemmend sind: Die Talente der einzelnen Schüler würden einfach zu wenig gefördert. Wenn, wie Swarovski Manager Andreas Braun schon in seiner Einführung bemerkte, unser Bildungssystem in besonderem Maße Ausdruck unseres Menschenbildes ist, liegt mit letzterem einiges im Argen. Aber vielleicht hapert es auch hier - wie in der Architektur - primär an der Umsetzung. Was die Hinführung zur Architektur betrifft, so sind Lehrerinnen und Lehrer unserer Schulen meist überfordert; vereinzelt versuchen daher Initiativen, diese Lücke zu schließen. Bis aber breite Erfolge erzielt werden, bleibt noch viel zu tun - von Anfang an!

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