Wehsely: "Sexuelle Probleme aus der Tabu-Zone holen"

"Sexual Health and Gender": Kongress im Wiener Rathaus beschäftigt sich mit Fragen zur Sexualität

Wien (OTS) - Kommendes Wochenende findet im Wiener Rathaus der Kongress "Sexual Health and Gender" unter dem Vorsitz der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger statt. Internationale SexualforscherInnen werden im Rahmen des Kongresses aktuelle Erkenntnisse über sexuelle Gesundheit aus geschlechtsspezifischer Sicht präsentieren. Die Tagung soll Tabu-Themen wie sexuelle Störungen, Sexualität im Alter oder gleichgeschlechtliche Liebe öffentlich machen und dazu beitragen, dass die sexuelle Gesundheit besser in die medizinische Versorgung und andere Gesundheitsdienste integriert wird.

"Sex ist ein Thema, das heute allgegenwärtig ist. Trotz, oder vielleicht auch gerade wegen dieser Omnipräsenz gibt es zahlreiche Menschen, denen es nicht leicht fällt, über ihre sexuellen Bedürfnisse zu sprechen. Das gilt speziell, wenn es um sexuelle Probleme geht", erklärte die Wiener Frauenstadträtin Mag.a Sonja Wehsely am Freitag in einer gemeinsamen Medienkonferenz mit der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten Univ.-Prof. Wimmer-Puchinger. SexualforscherInnen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Schweden, Russland, Israel und anderen Ländern werden bei der ExpertInnen-Tagung ihr aktuelles Know-How präsentieren.

Im Rahmen des Kongresses werden auch die Ergebnisse einer Studie des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Frauengesundheitsforschung, die vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördert wurde, präsentiert. Die Erhebung "Sexualität und Gender" beschäftigt sich ebenso wie der Kongress mit einer geschlechtsspezifischen Sicht der Sexualität. "Unsere Umfrage unter rund 1.000 österreichischen Frauen und Männern ab 15 Jahren zeigt für einige Themen deutliche Unterschiede", sagt die Projektleiterin der Studie Wimmer-Puchinger. So deute die Erhebung auf mehr Toleranz beim weiblichen Geschlecht hin. Sie zeige, dass mehr Frauen als Männer lesbische Sexualität "in Ordnung finden", nämlich 67 Prozent gegenüber 65 Prozent. Es finden aber auch 67 Prozent der Frauen und nur 61 Prozent der Männer schwule Sexualität "in Ordnung".·Der Aussage, dass "das Recht auf Schwangerschaftsabbruch jeder Frau zugestanden werden muss", stimmen hingegen 89 Prozent der Männer und 82 Prozent der Frauen zu. Gleich 61 Prozent der Männer, aber nur 37 Prozent der Frauen beurteilen die Aussage, dass "Sexualität ohne Orgasmus nicht befriedigend" sei, als "sehr" oder "ziemlich" zutreffend.

39 Prozent der österreichischen Frauen klagen darüber, dass sie "oftmals" oder "gelegentlich" Lustlosigkeit, verspüren. Bei den österreichischen Männern beträgt der entsprechende Anteil nur 23 Prozent. Sechs Prozent der Frauen aber nur drei Prozent der Männer geben an, beim Geschlechtsverkehr "oft" oder "gelegentlich" Schmerzen zu verspüren.

"Sexuelle Störungen und Beschwerden sind also beim weiblichen Geschlecht wesentlich häufiger als bei Männern. Gleichzeitig erhalten sie aber meiner Meinung nach viel weniger mediale und medizinische Aufmerksamkeit", sagt Wimmer-Puchinger. Dazu, dass in der Öffentlichkeit die "Potenz-Diskussion" dominiere, so die Frauengesundheitsbeauftragte, hätten wohl auch wirtschaftliche Interessen durch die Markteinführung von Potenzmitteln wie Viagra, Levitra, Cialis oder Uprima beigetragen.

Univ.-Prof. Dr. Johannes Bitzer von der Universitätsfrauenklinik Basel, einer der Referenten beim Wiener Fachkongress, beobachtet generell einen Nachholbedarf bei der ärztlichen Versorgung sexueller Störungen: "Von MedizinerInnen werden die möglichen 'sexuellen Nebenwirkungen' von Operationen und Medikamenten oft noch als zweitrangig betrachtet", sagt der Schweizer Forscher. "Für die betroffenen Patienten handelt es sich aber häufig um gravierende Veränderungen, die ihr Selbstbild und ihr Selbstwertgefühl beeinträchtigen können." Häufige Leiden, die gleichzeitig auch die Sexualität der Betroffenen negativ beeinflussen könnten, seien etwa Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen, so Bitzer: "Diese Zivilisationserkrankungen können bei Männern Erektionsstörungen mit verursachen, aber auch die Durchblutung der weiblichen Genitalien beeinträchtigen." Manche Medikamente gegen Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen könnten diese Beschwerden noch verstärken, so der Schweizer Experte. Weiters könnten sich speziell auch manche Psychopharmaka und bei Frauen die Antibabypille negativ auf das sexuelle Erleben und die Libido auswirken.

Weitere Themen beim Kongress sind etwa gleichgeschlechtliche Liebe, "Sex und Behinderung" oder "Sex und Gewalt" und speziell auch sexueller Missbrauch. Auch "Sexualität im Alter" wird meist nur selten thematisiert. Laut einer Studie unter 45- bis 91-Jährigen von Univ.-Prof. Dr. Claus Buddeberg vom Universitätsspital Zürich, einem weiteren Referenten des Wiener Symposiums, verringern sich zwar das sexuelle Interesse und mehr noch die tatsächliche sexuelle Aktivität mit steigendem Alter. Dies geschieht jedoch nur sehr allmählich. Erst bei den 75-Jährigen und Älteren ist ein starkes Absinken zu erkennen. Auch die weit verbreitete Ansicht, dass das sexuelle Verlangen von Frauen mit dem Beginn der hormonellen Umstellung abnimmt, kann als widerlegt gelten. Einer Erhebung der Freien Universität Berlin zufolge wünschen sich 50- bis 60-jährige Frauen durchschnittlich mehrmals im Monat Sex.

Kostenlose Publikumsveranstaltung "Sex in the Vienna City"

Unter dem Titel "Sex in the Vienna City" wird auch eine kostenlos zugängliche Publikumsveranstaltung stattfinden. Am Samstag werden ab 18 Uhr im Festsaal des Rathauses ExpertInnen wie die Sexualtherapeutin Dr. Gerti Senger, der Urologe Univ.-Prof. Dr. Eugen Plas oder Dr. Elia Bragagna, die Leiterin der Sexualambulanz am Wilhelminenspital referieren und Fragen beantworten. Folgende großen Themen stehen auf dem Programm der Publikumsveranstaltung:´

o Welche Wünsche haben Frauen und Männer in der Sexualität?
o Wie kann man dem Frust bei der Lust vorbeugen?
o Was tun bei sexuellen Störungen bei Frau und Mann?
o Wo gibt es Rat und Hilfe bei sexuellen Problemen?

"Wir wollen den Kongress im Rathaus nicht zuletzt auch dazu nutzen, das in Wien bereits vorhandene Angebot an Beratungseinrichtungen für den Bereich sexuelle Gesundheit zu präsentieren", unterstreicht Sonja Wehsely. Zu diesen Institutionen zählten etwa die Sexualambulanz am Wilhelminenspital, die Beratungsstelle für Familienplanung im Karl-Marx-Hof sowie die Partner-, Familien- und Sexualberatung im 9. Bezirk, so die Wiener Stadträtin für Integration, Frauenfragen, KonsumentInnenschutz und Personal. "Der Kongress 'Sexual Health and Gender' soll aber auch insgesamt dazu beitragen, dass das wichtige Thema sexuelle Gesundheit noch besser als bislang in die medizinische Versorgung und die psychosozialen Gesundheitsdienste integriert wird", fasst Wehsely die Ziele der Veranstaltung zusammen. (Schluss) lac

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