Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Der Abzug der Israelis aus Gaza ist eine historische Meisterleistung. Mutig und professionell umgesetzt.

Aber wie geht es jetzt weiter? Jetzt müssten vor allem einmal die Palästinenser zeigen, dass sie ein verlässlicher Partner sein können. Dass sie den Terror eindämmen und eine funktionierende Staatsgewalt aufbauen können.

Die größere Leistung ist langfristig trotz allem Israel abverlangt: Es muss dem Gaza-Streifen auch wirtschaftliche Lebenschancen ermöglichen; es muss irgendwann auch das Jordanwestufer räumen, und für Jerusalem etwa eine Internationalisierung ermöglichen. Das alles scheint angesichts der rund um den Gaza-Abzug sichtbar gewordenen Emotionen fast unmöglich. Das wird Israel aber schon gar nicht tun, wenn der Terror weitergeht.

Die Tragik des Nahen Ostens: Die Araber sind nämlich umgekehrt überzeugt, dass es nur der Terror war, der Israel zu seinen Konzessionen bewogen hat. Und man kann ihnen diese Sicht der Geschichte nicht einmal ernstlich widerlegen. Man kann nur hoffen, dass sie nicht stimmt.

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Erich Gornik, Vizechef des Forums Alpbach, fordert, dass sich die Europäer die USA zum Vorbild nehmen. Ganz schön mutig, ist es doch Lieblingssport aller europäischen Populisten geworden, sich über die USA zu erregen, ihre Politik ständig zu verdammen. Trotzdem trägt die Welt ihr Geld ständig nach Amerika. Trotzdem wollen die hellsten Köpfe aller Länder in Amerika studieren. Irgendetwas muss an dem Modell also doch dran sein.

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Noch mutiger ist Wolfgang Schäuble: Er empfiehlt, dass Deutschland die Aspirationen auf einen eigenen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat aufgibt und stattdessen einen solchen für die Europäische Union erkämpft. Es gibt sie also doch noch, Europäer, die zuerst aufs Gemeinsame und dann erst auf vermeintliche nationale Interessen schauen. Die ohnedies nicht durchsetzbar sind.

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Mut zeigt auch erneut der deutsche Bundespräsident Horst Köhler:
Er empfiehlt eine Änderung der deutschen Verfassung. Vielleicht wäre auch der österreichische Verfassungskonvent nicht verendet, hätten sich Thomas Klestil und Heinz Fischer für dieses Projekt wirklich engagiert. Hierzulande haben aber viele noch gar nicht begriffen: Es ist zwar undemokratisch, die Verfassung nicht einzuhalten. Es ist aber überaus demokratisch, deren Änderung - auf verfassungskonformem Weg - anzustreben.

Mut kann man nicht kaufen, aber es ist gut, dass man ihn hat, wenn man ihn braucht.

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