"Kleine Zeitung" Kommentar: "Nach dem Gaza-Rückzug muss Sharon um seine Macht kämpfen" (von Charles Landsmann)

Ausgabe vom 18.08.2005

Graz (OTS) - Die israelischen Rückzugsgegner sind gescheitert. Die Räumung der Siedlungen im Gazastreifen hat begonnen und wird trotz Widerstandes schnell durchgezogen. Damit musste jeder rechnen, der die handelnden Personen, allen voran Ministerpräsident Ariel Sharon, gut kennt.

Für die Siedlerführung, die Nationalisten, ja die gesamte Rechte in Israel kann es jetzt nur noch darum gehen aus den Siedlungsräumungen ein nationales Trauma zu schaffen. Schon einmal, anlässlich der Rückgabe der Sinai-Halbinsel an Ägypten und der Räumung der dortigen Siedlungen vor 23 Jahren, haben sie dies versucht. Persönliche Traumen der betroffenen Siedler gab es in Massen, ein nationales Trauma blieb aus.

Damals scheiterten die Siedlerführer an einem Mann, mit dem sie sich auch heute konfrontiert sehen: Ariel Sharon, also ausgerechnet "Arik, der Bulldozer", der Mann, der mehr für die Siedlungen getan hat als jeder andere. Sharon war damals als Verteidigungsminister für die Räumung und die Zerstörung der Siedlungen verantwortlich, die er selbst ablehnte, aber gemäß Regierungsbeschluss durchführte.

Im Unterschied zu damals könnten sich diesmal allerdings die Interessen Sharons, der Siedler und der Nationalisten decken. Denn mit einem nationalen Trauma wäre der Welt, insbesondere Washington, der Nachweis erbracht, dass jede weitere Siedlungsräumung ein Ding der Unmöglichkeit wäre.

Möglich, dass Sharon auch ein paar isolierte Siedlungen im Westjordanland im Visier hat - niemand weiß das so genau. Doch es ist kaum anzunehmen, dass er diesbezügliche Pläne in Angriff nehmen wird - unter dem Eindruck der schwierigen aktuellen Siedlungsräumungen, aber auch weil er wohl sofort eine scharfe Rechtskurve fahren wird, um sich an der Macht zu halten.

Gelingt ihm letzteres nicht, und damit muss auf Grund der Meinungsumfragen der letzten Tage gerechnet werden, so werden weder Siedler noch Regierung, weder die Orangen (Räumungsgegner) noch die Blauen (Polizisten) letztlich als Sieger aus der gegenwärtigen Konfrontation hervorgehen. Der wahre Triumphator dürfte Benjamin Netanyahu heißen, Sharons Rivale in der Likud-Partei, der ihn wohl ablösen wird.

Bibi" Netanyahus Bilanz weist eine schlimme Amtszeit als Regierungschefs auf, die Be- oder gar Verhinderung jedes Fortschritts in Richtung Frieden und zuletzt den Widerstand gegen Sharons "einseitigen Loslösungsplan". Gut möglich, dass sich selbst Ariel Sharons heftigste Kritiker bald nach dem verhassten "Arik" sehnen werden. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001