"Die Presse": Leitartikel: "Mehr als ein Event mit dem "Pope-Star" (von Hans Kronspiess)

Ausgabe vom 18.8.2005

Wien (OTS) - Die Kirche sollte sich über die Teilnehmer des Weltjugendtags freuen - und richtige Worte für sie finden.

Es ist ein erster Schritt: Papst Benedikt XVI. setzt heute, Donnerstag, zum ersten Mal in seinem Pontifikat seinen Fuß auf nicht-vatikanischen oder nicht-italienischen Boden. Er besucht den Weltjugendtag in Köln. Für kurze Zeit ist die Stadt am Rhein der Nabel der katholischen Welt. Hunderttausende junge Gläubige aus aller Herren Länder wollen unter dem Motto aus dem Matthäus-Evangelium, "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten", mit dem Pontifex aus Bayern feiern.
Die farbenfrohen Bilder vom Eröffnungstag lieferten einen Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Tagen folgen wird: Ein Ereignis zwischen Glaube und Fun, zwischen Spiritualität und Ausgelassenheit, zwischen Anbetung und Pope-Star-Kult. Schon zeigen die ersten "Rechtgläubigen" mit dem Finger auf die Jugendlichen in Köln und rümpfen die Nase über den oberflächlichen "Event". Personenkult ist gewiss das letzte, was Papst Benedikt will. Gegen einen "Event"-Weltjugendtag hat der Deutsche auf dem Stuhl Petri wohl weit größere Abneigung als sein Vorgänger Johannes Paul II., den Jugendliche ebenso wie Fernsehproduzenten ob seiner Ausstrahlung liebten. Dem jetzigen Pontifex geht es vor allem um eines: um eine Re-Katholisierung Europas.
Diese Erwartung wird vom Jung-Katholiken-Treffen in Köln vermutlich enttäuscht. Sicher: Die Massen junger Menschen, die vor ein paar Monaten dem toten Johannes Paul II. in Rom die letzte Ehre erwiesen haben, ihr Mitfiebern bei der Wahl seines Nachfolgers, haben in der kirchlichen Hierarchie große Hoffnungen auf eine Rückgewinnung der Jugend geweckt. Die vorübergehende Anteilnahme junger Menschen an kirchlichen Vorgängen sollte aber über eines nicht hinwegtäuschen:
Die Jungen befriedigen ihr auch heute noch vorhandenes Bedürfnis nach Religion, Glaube, einem letzten Sinn auf andere Weise, als es amtskirchlich geplant ist.
Ein Blick in einschlägige Studien zur Jugendreligiosität genügt: Der Anteil junger Menschen, die an ein Weiterleben nach dem Tod glauben oder regelmäßig in die Kirche gehen, wird beständig kleiner; Religionspädagogen klagen, dass das Glaubenswissen zurückgeht. Ganz gleich, ob der Papst den Teilnehmern des Weltjugendtags ins Gewissen redet, wie spirituell intensiv oder aufregend das Treffen sein wird:
Diese Trends sind kaum aufzuhalten.
Und trotzdem kommt aus Köln auch eine frohe Botschaft für die Kirche:
Junge Menschen finden sich zusammen, beten in aller Öffentlichkeit miteinander, singen Lieder über Jesus, tragen Kreuze durch die Straßen - und genieren sich nicht dafür. "Die Jugend" von heute ist nicht einfach religiös ignorant, agnostisch oder atheistisch, sie sucht sich nur eigene Ausdrucksformen für ihre religiösen Gefühle -und diese Ausdrucksformen sind vielfältig. Manche nennen das dann "Event".
Der Weltjugendtag ist ein Abbild dieser Vielfalt: In Köln beten junge Männer mit Irokesen-Haarschnitt neben Anzug- oder Trachtenträgern. Nonnen treffen auf Frauen, die sich in ihrer persönlichen Lebensführung nicht an die moralische Lehre des Katechismus der katholischen Kirche halten. Viele in Köln werden dem Papst zujubeln, manche ihm bloß skeptisch zuhören. Die einen werden diskutieren, die anderen zu einer Party gehen - oder shoppen.
Dieses bunte Bild stimmt vielleicht nicht so recht mit den Vorstellungen überein, die Papst Benedikt und andere kirchliche Würdenträger von einem Weltjugendtag haben. Und doch sollte sich die Amtskirche über die Jugendlichen in Köln freuen. Denn wann sonst kommen so viele junge Menschen zusammen, um sich derart intensiv auf die Suche nach Sinn zu machen? Wann sonst treffen sich so viele junge Menschen, die ihr Dasein nicht als absurd betrachten? Und wann sonst findet man so viel freiwilliges Engagement wie bei den Helferteams des Weltjugendtags?

Die in Köln versammelten Jugendlichen sind besser als der Ruf, den ihnen Würdenträger mit Weltuntergangsstimmung anhängen. Die Teilnehmer des Weltjugendtags, und nicht nur sie, haben ein Bedürfnis nach Religion, nach Gemeinschaft - auch nach kirchlicher Gemeinschaft. Aber sie wollen auch, dass sie ernst genommen werden, dass man ernsthaft mit ihnen spricht. Und das genau ist die Krux:
Dass der Kirche die richtigen Worte für die Jugend fehlen, dass sie sprachlos im Umgang mit den jungen Gläubigen geworden ist. Um die richtigen Worte wiederzufinden, ist ein Weltjugendtag sicher zu wenig. Aber immerhin: Er ist ein erster Schritt.

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