WirtschaftsBlatt-Kommentar vom 18.8.2005: Wolfsburg liegt auch in der Steiermark - von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Am Anfang war der Sommer noch in Ordnung:
Gelegentlich zeigte sich die Sonne, die Temperaturen erreichten 20 Grad, und alles Hässliche spielte sich jenseits der Grenze im fernen Deutschland ab: Auf Grund von Korruptionsvorwürfen zurückgetretene Top-Manager bei Infineon und in der VW-Zentrale in Wolfsburg, pikante Enthüllungen über teure Lustreisen von Betriebsräten - ein bisschen schadenfroh haben wir uns zurücklehnen und wundern dürfen, was ausgerechnet die gerne überkorrekt auftretenden Nachbarn da so alles getrieben haben.
Mittlerweile ist nicht nur das Wetter umgeschlagen. Erst die Affäre um fehlgeleitete Steuer-millionen für den Tierpark Herberstein und deren Eigentümer, jetzt Vorwürfe über zweifelhafte Förderungen für den steirischen Autocluster. Ist die ganze Steiermark ein einziges Wolfsburg?
Nicht ganz. Die Dimensionen sind um einiges kleiner, vor allem was den Autocluster betrifft. Zudem zeigen sich kulturelle Unterschiede, was durchaus unterhaltsame Aspekte hat: Die VW-Betriebsräte bevorzugten teure Glamour-Girls, die Steirer schlichten Alkohol. 135 Flaschen Wein für 128 Teilnehmer einer internen Autocluster-Tagung sind eine hochprozentige Bilanz. Wer viel arbeitet, darf auch viel feiern - er sollte sich nur die Rechnung nicht vom Steuerzahler begleichen lassen.
Dieser Umstand verleiht den steirischen Verfehlungen besonderes Gewicht: Verschwendet und verschenkt wurden Steuergelder - ein Umstand, der auch das politische System beschädigt. Man kann über einzelne Bewertungen der Rechnungshof-Prüfer unterschiedlicher Meinung sein, unübersehbar und unentschuldbar ist allerdings, mit welcher Leichtfertigkeit öffentliche Förderungen vergeben wurden. Und mit welcher Leichtfertigkeit darauf verzichtet wurde, deren Verwendung zu überprüfen. "Es ist ja nicht mein eigenes Geld" - diese Einstellung der beteiligten Ämter schallt dem Betrachter seit Tagen so laut aus der Steiermark entgegen, dass er sich am liebsten die Ohren zuhalten möchte. Dass auch auf der anderen Seite des Tisches, bei den Abkassierern, ein schwer erträgliches Mass an Raffgier und Eitelkeit herrscht, entschuldigt die Versäumnisse nicht.
Nach Bekanntwerden des Skandals ist die VW-Aktie gestiegen - die Aktionäre erwarten sich künftig mehr Transparenz und Kontrolle, mit positiven Auswirkungen für den Konzern. Davon kann die Steiermark nur träumen. Keine Anzeichen auf Besserung, die Indizes zeigen vielmehr nach unten.

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