"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die vorlaute kleine Schwester CSU macht der CDU Sorgen" (von Stefan May)

Ausgabe vom 17.08.2005

Graz (OTS) - Das Bild von der kleinen Schwesterpartei ist
passender, als man gemeinhin annehmen würde: Die CSU ist tatsächlich so etwas wie die unartige kleine Schwester, die wegen ihrer unberechenbaren Wortmeldungen von der Familie lieber im Zimmer versteckt wird, bis der Besuch wieder gegangen ist.

In diesem Fall wird Besuch des deutschen Bürgers in der Wahlzelle erwartet. Wenn er wieder draußen ist, kann der Stubenarrest aufgehoben werden, die CSU darf wieder unter die Leute.

Es ist keine reine Causa Edmund Stoiber, so einfach ist es nicht. Der bayrische Ministerpräsident gilt traditioneller- weise als unsicherer Kantonist, egal welchen Namen er trägt. Die CSU ist eben eine eigene Partei, nicht lediglich Ausdruck eines differenzierten südländischen Lebensgefühls in Deutschland. Und sie strotzt vor Kraft und Selbstbewusstsein, befördert durch eine Zweidrittelmehrheit im größten Bundesland. Das macht die Sache schwierig, zumal auch die große Schwester alles andere als homogen ist und sich zumeist auch so benimmt. Während die Sozialdemokraten sich immer noch als disziplinierte Massenbewegung verstehen, in der das Individuum aufgeht, fällt den Konservativen regelmäßig das gelebte Selbstverständnis vom freien Bürger und unabhängig Wirtschaftenden auf den Kopf.

Als der Bundeskanzler im Mai Neuwahlen ankündigte, war es die beste Zeit für die Union: Die Siegesgewissheit wirkte als Fugenzement, CDU und CSU waren eins und unschlagbar. Seit sich aber in den Umfragen die neue Linkspartei mit 12 Prozent festgesetzt hat, läuft in der Union alles lärmend durcheinander. Die Nervosität wächst in den beiden C-Parteien, doch das Um-sich-Schlagen bringt noch mehr Scherben. Wenn alle "Ruhe jetzt" brüllen, bleibt es trotzdem laut. Es ist nicht überraschend, dass Gerhard Schröder von der Zuschauertribüne meldet, Angela Merkel habe keine Autorität. Diese dürfte bei ihr wahrlich nicht ausgeprägt sein. Eine "Eiserne Lady" ist sie im Innengefüge der CDU nicht, auch wenn sie zuweilen prominente Parteikollegen kaltstellt.

Es ist gewiss beunruhigend, wenn sich nahe am Ziel die Erfolgskurve plötzlich abwärts neigt. Weit beunruhigender sollte aber der Gedanke sein, dass dies alles noch viel dramatischer ausfallen könnte, wenn Angela Merkel mit ihrer Mannschaft erst das Trockendock verlassen hat, auf der rauen See des deutschen Alltags dem Unbill des politischen Wetters ausgesetzt ist und ständig Meuterei an Bord befürchten muss. ****

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