"Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar"

Wien (OTS) - Sommerliche Erkundungen im nördlichen Mitteleuropa:
Wir stoßen auf frappierende Unterschiede. Zeitliche wie räumliche. Wie gut sich die Metropolen der einst kommunistischen Welt in den letzten 15 Jahren entwickelt haben, übertrifft alle Erwartungen.

Frappierend sind auch die regionalen Unterschiede. Etwa zwischen Polen und den "neuen" Bundesländern Deutschlands. In Polen dominiert in den kleineren Orten (im Gegensatz zu den tollen Zentren der großen historischen Städte) optisch noch immer der bröckelnde Zustand der traurigen Nachkriegsjahre. Im Osten Deutschlands hingegen sind alle Straßen komfortabel neu gebaut - auch wenn noch so wenig Verkehr auf ihnen rollt. Und dort strahlen die Häuser selbst in den kleinsten Dörfern - dafür steht jedes fünfte mit klaffenden Fensterhöhlen leer und ist dem Verfall preisgegeben. Die Bewohner haben es aufgegeben. Auch von den Polen arbeiten zwar viele im Westen - aber oft, um ihre Heimathäuser zu renovieren.

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Umgekehrt verhält es sich mit der politischen Stimmungslage. Die Polen raunzen über die eigenen Politiker, die Ostdeutschen - über den Westen. Angesichts dieser ständigen Unzufriedenheit trotz der an allen Ecken sichtbar investierten West-Milliarden ist schon nachvollziehbar, dass sich die Wessis provoziert fühlen. Sie durften zahlen, werden kritisiert und haben nun auch noch eine ostgebaute Wirtschafts-Depression am Hals.

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Die slawischen Sorben im südöstlichsten Eck von Sachsen und Brandenburg sind eine außerhalb Deutschlands kaum beachtete Minderheit. Sie dürfen sich aber über großzügige zweisprachige Ortstafeln freuen. Von diesen könnten sich auch die Polen oder die Kärntner ein kleines Eck abschneiden. Solche Tafeln tun niemandem weh und manchen gut.

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Polen ist das christlichste Land Europas. Die Gottesdienstteilnahme erreicht nach wie vor Dimensionen, von denen der Rest des Kontinents nur träumen kann. Zugleich aber ist Polen seit einigen Jahren auch ein Land, in dem die Einkaufszentren am Sonntag geöffnet und bis spät in die Nacht überfüllt sind (so wie meine Großeltern ihren Greißlerladen in Zeiten ohne Kühlschränke selbstverständlich auch am Sonntag geöffnet hatten).

Ob da unsere Bischöfe nicht ein bisschen zu strukturkonservativ sind, die die sonntägliche Ladensperre zum zentralen Anliegen der -österreichischen - Kirche erhoben haben?

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