WirtschaftsBlatt Kommentar vom 17.8.2005: Ein Biotop für Fremdkapital - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Das wird Wolfgang Schüssel und seinen Regierungskollegen aber gar nicht gefallen: Gestern ging anscheinend die Serie ausländischer Jubelberichte über Österreich zu Ende. Das deutsche "Handelsblatt" veröffentlichte den Bericht "In Wien grassiert die deutsche Krankheit", in dem u. a. von "mageren Daten" die Rede ist. In der "Neuen Zürcher Zeitung" wiederum war die Headline "Österreich als Biotop für Fremdkapital" zu finden. Tenor:
Österreichs Unternehmen sind im EU-Vergleich weniger gut mit Eigenkapital ausgestattet - die Republik nimmt EU-weit sogar die Rolle des Nachzüglers ein.
Nachdem unsere Politiker wochenlang voller Begeisterung diverse deutsche, Schweizer oder französische Presseberichte zitiert haben, in denen Österreichs Wirtschaftslage über den grünen Klee gelobt worden ist, heisst es nun: Willkommen in der Realität. Diese sieht ja vergleichsweise recht erfreulich aus, aber für übertriebenes Selbstlob gibt es wahrlich keinerlei Grund.
Die Regierung, die nun doch bis Herbst 2006 durchdienen wird, hat zum einen noch etliche unerledigte Arbeiten anzugehen - Stichwort:
Verwaltungsreform; und zum anderen sollte sie strukturelle Probleme der Wirtschaft nicht vollends aus den Augen verlieren. Eines dieser -wirklich nicht unwichtigen - Themen wurde nun in der "Neuen Zürcher" angerissen: Die Eigenkapitalquote der österreichischen Betriebe liegt nur bei rund 35 Prozent.
In einer im "NZZ"-Bericht zitierten Studie der Oesterreichischen Nationalbank wurde der Frage nachgegangen, warum das so ist. Ob etwa institutionelle Spezifika die Vergabe von Krediten an KMU erleichtern und/ oder die Eigenkapitalzufuhr erschweren? Gleich vorweg: Mit der Unternehmensbesteuerung habe das nicht zu tun. Vielmehr liege es an spezifischen Regelungen des Insolvenzrechts und des hier zu Lande gängigen Hausbanken-Systems. Beide Aspekte erleichtern nämlich die Aufnahme von Fremdkapital, aber natürlich auch das Schulden Machen -ohne übrigens die Zufuhr von Eigenkapital zu behindern. Das Faktum, dass die Banken auf das Privatvermögen von Unternehmern leichter zugreifen können als in anderen Ländern, habe sozusagen mit einer Verfälschung des ausgewiesenen Eigenkapitals zu tun. Weiters reduziere die Tatsache, dass Banken eher bereit sind, im Krisenfall länger zu finanzieren, das Eigenkapitalerfordernis rot-weiss-roter Unternehmen. Eigenkapital sei schlussendlich die teuerste Form der Aussenfinanzierung.
Fazit: Im Hinblick auf Basel II wäre es ratsam, Eigen- und Fremdkapital steuerlich gleich zu behandeln - nicht nur bei ausgeschütteten Gewinnen.

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