"Kleine Zeitung" Kommentar: "Stoiber schadet Merkel, als ob er sich an ihr rächen wollte" (von Stefan May)

Ausgabe vom 13.08.2005

Graz (OTS) - Auch 15 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung
gibt es vielleicht nicht mehr die "Mauer in den Köpfen", wohl aber noch einen Zaun. Das wird gerade in diesem kurzen deutschen Wahlkampf deutlich. Jetzt hat der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber mit seiner Äußerung über die "frustrierten Ostdeutschen" den Zaun hell ausgeleuchtet.

Dabei wird eines deutlich: Die "Ossis" verstehen die "Wessis" und ihre Lebensart noch immer nicht vollends und für die Westdeutschen sind die Ostdeutschen weiterhin fremd anmutende Kinder des Kommunismus.

Über diese gesellschaftlichen Offenbarungen hinaus hat Stoibers hemdsärmelige Abqualifizierung seiner Landsleute im Osten eine eminente politische Wirkung. Denn mit ihr hat der mächtige Mann in Bayern die Union abwärts befördert und der Spitzenkandidatin Angela Merkel innerhalb weniger Tage mehrmals geschadet: Er hat ihr so oft geschadet, dass man meinen könnte, er betreibe einen subtilen Rachefeldzug gegen Angela Merkel.

Mit seinen Bemerkungen über den Osten ist die gemeinsame Spitzenkandidatin im Osten angeschlagen. Abgesehen davon kann die CDU dank Stoibers Äußerung nun ihr Ziel getrost begraben, in den neuen Bundesländern stärkste Partei zu werden. Stoibers dieser Tage kundgetane Erwartung, die Union könne ein Potenzial von 45 Prozent ausschöpfen, weist in dieselbe Richtung: Erreicht die Union am Wahlabend die ehrgeizig hoch gelegte Latte nicht, wird Merkel parteiintern dafür verantwortlich gemacht werden.

Und noch ein weiterer Pfeil, den der CSU-Chef dieser Tage abschoss, hatte bei genauer Betrachtung eine vergiftete Spitze. Die Union hatte angekündigt, nächste Woche Merkels Kompetenzteam vorzustellen. Edmund Stoiber nannte vorher seine Namen: zum einen Innenminister Günther Beckstein, zum anderen Wolfgang Schäuble als ausgewiesenen Außenpolitiker. Das große Lob für Letzteren kann zumindest als Boshaftigkeit gegenüber Angela Merkel ausgelegt werden, die Schäuble kalt gestellt hatte.

Solche Pannenserien könnten Zufall sein. Plausibel erscheint, dass Edmund Stoiber sein Scheitern bei der letzten Wahl nicht verwinden kann, nachdem er sich als Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel durchgesetzt und dann gegen Gerhard Schröder verloren hatte, während Merkel nun den Sieg gleichsam schon in der Tasche hat. Klug und korrekt wäre eine solche Haltung nicht. Fair auch nicht. Und staatsmännisch schon gar nicht. ****

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