Offener Brief eines Tunnelbauarbeiters an Finanz- und Sozialministerium

Fritz Pracher: Wir fühlen uns ausgelaugt, übergangen und schikaniert!

Wien (OTS) - In einem Offenen Brief richtet sich Fritz Pracher, Drittelführer im Tunnelbau, an Finanzminister Grasser und Sozialministerin Haubner. Auslöser ist die Tatsache, dass Tunnelbauer von ihrem Lohn bis zu 60 % Steuern zahlen müssen und es zusätzlich auch Abzüge beim Fahrgeld gibt.++++

Der Offene Brief im Wortlaut:

Bundesministerium für Finanzen
Hrn. BM Mag. Karl Heinz Grasser
Himmelpfortgasse 8
1015 Wien

Sehr geehrter Herr Finanzminister!

Ich schreibe diesen offenen Brief, weil ich mich, so wie Tausende Bauarbeiter in diesem Staat, nicht mehr auskenne. Ich arbeite seit 25 Jahren ohne Unterbrechung auf verschiedenen Tunnelbaustellen in Österreich. Jeden Euro, den ich verdiene, muss ich mit meinem Körper bzw. meinen Händen unter schwierigsten Bedingungen erarbeiten.

In meinem Privatleben habe ich mit meiner Frau, die auch arbeiten geht, ein Haus gebaut, in das wir jeden Euro investieren. Größere Urlaube kommen für uns nicht in Frage.

Ich weiß von Berufskollegen, die von November bis April stempeln gehen müssen und noch öffentliche Förderungen wie z.B. die Mietzinsbeihilfe bekommen, und die ihr Geld ganz anders ausgeben, z.B. für Urlaube.

Meine Frage: Was habe ich in meinem Leben falsch gemacht, dass ich von euch so bestraft werde, ich weiß einfach nicht mehr, was mit mir geschieht. Von meinem Lohn werden mir bis zu 60 % abgezogen, weil wir im Tunnelbau auch an Wochenenden und Feiertagen arbeiten müssen. Mit jedem übrig gebliebenen Euro kaufe ich Baumaterial, wofür ich wieder Steuern bezahle. Die Dinge, die ich nicht selbst machen kann, muss ich mir von Firmen machen lassen, wofür ich wieder Steuern zahle. Jeder investierte Euro hebt den Einheitswert des Hauses und somit steigt die Grundsteuer. Dadurch gibt es für mich als ehrlichen Bürger die nächste bittere Enttäuschung. Ich muss leider zu meiner Arbeit nach Wien pendeln - was das bei den jetzigen Treibstoffpreisen bedeutet, brauche ich nicht erwähnen.

Der Auslöser meines Schreibens ist, dass meine Unterkunft nicht neben der Baustelle ist, dadurch muss ich, wie alle meine Kollegen, jeden Tag mit den Öffis zur Baustelle fahren. Wir bekommen den Fahrpreis von der Baustelle rückerstattet. Ich lege einen Lohnzettel bei, wo die Abrechnung für zwei Monate Fahrgeld ersichtlich ist. Für 100 Euro Fahrgeld wurden mir 46 Euro abgezogen. Sind wir in Österreich wirklich schon so weit, dass das Sprichwort stimmt:
"Ehrlich währt am längsten und wer stiehlt am schönsten"? Wie soll es mit uns Hacklern eigentlich weitergehen? Diese Frage stellen sich Tausende von Bauarbeitern, die, wie anfangs erwähnt, das Geld mit den Händen verdienen müssen. Wir fühlen uns ausgelaugt, übergangen und schikaniert.

Eine Frage hätte ich noch, die mir bisher noch kein Politiker beantworten konnte, ich hoffe, Sie sind in der Lage dazu. Angenommen, ich bekomme für einen Tag Arbeit 100 Euro, wie viel davon gehört wirklich mir, wenn man sämtliche Steuern abzieht (Lohnsteuer, Getränkesteuer, Zigarettensteuer, Mineralölsteuer, usw.)? Sind es 10 Euro? Ich bitte um Antwort und Rat bezüglich meiner Fragen.

Ich werde den Brief mit Ihren Antworten meiner Interessenvertretung, der Gewerkschaft Bau-Holz, zur Verfügung stellen und versuchen, ihn in diversen Zeitungen zu veröffentlichen, damit alle Bauarbeiter lesen können, wie Sie zu meinem Brief stehen.

Ein aufrichtiges Glück Auf
Fritz Pracher
Mineur
Porr Tunnelbau GmbH
dzt. Baustelle U2/1 Schottenring

Wien, 11. August 2005

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Fritz Pracher
Tel. 03185/8905
Mobil 0664/38 41 630

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