"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der iranische Atompoker ist ein gewagtes Spiel mit dem Feuer" (von Nina Koren)

Ausgabe vom 04.08.2005

Graz (OTS) - Es war fast schon rührend, was der neue iranische Präsident bei seinem Amtsantritt von sich gab. Er wünsche "Frieden und Gerechtigkeit und eine atomwaffenfreie Welt", schwärmte Mahmud Ahmadi-Nejad in sanften Tönen.

Dabei übernimmt er sein Amt in einer Zeit, in der sein Land lautstark damit droht, das iranische Atomprogramm wiederaufzunehmen. Statt friedlicher Verhandlungen liegen derzeit die Nerven blank zwischen Teheran und der EU.

Entzündet hat sich der Streit vordergründig an der Frage, was unter "Ende Juli, Anfang August" zu verstehen ist. Bis zu diesem vage formulierten Zeitpunkt nämlich versprachen die Verhandler der EU -Deutschland, Frankreich und Großbritannien -, den Iranern ein wichtiges Papier vorzulegen: eine Aufstellung jener wirtschaftlichen und politischen Zuckerln, mit denen die EU den Iranern den Verzicht auf ihr Atomprogramm versüßen möchte. Die Europäer leisteten sich die Peinlichkeit, bis zum 3. August nichts zustande gebracht zu haben. Die Iraner nutzten die Gelegenheit, um die EU unter Druck zu setzen:
Sie kündigten an, die Atomanlage in Isfahan wieder in Betrieb zu nehmen. Gerhard Schröder und Jacques Chirac wiederum reagierten harsch und drohten mit UN-Sanktionen und dem Abbruch der Verhandlungen. Zugleich halten die USA die militärische Drohkulisse aufrecht.

Neu ist dieses zermürbende Spiel nicht. Schon mehrmals wurden im Nuklearpoker von beiden Seiten Drohbriefe hin und her geschickt - und letztendlich weiterverhandelt.

Doch jetzt ist einiges anders. Schröder und Chirac stehen innenpolitisch so sehr unter Druck, dass sie wenig Lust haben, sich vom Iran auf der Nase herumtanzen zu lassen. Und auf iranischer Seite ist mit Ahmadi-Nejad ein Hardliner ans Ruder gelangt, von dem trotz der salbungsvollen Worte neue Härte zu erwarten ist. "Wir lassen uns von außen nichts vorschreiben!", hat er schon im Wahlkampf versprochen.

Dabei ist die Aufregung rein sachlich betrachtet derzeit übertrieben. Laut US-Geheimdienst brauchen die Iraner noch zehn Jahre, bis sie in der Lage sind, Atombomben zu bauen. Doch Teheran scheint das Beispiel Nordkoreas inspiriert zu haben: Dem Regime in Pjöngjang gelang es, mit Atomdrohungen sogar billigeres Heizöl zu erpressen. Und auch einen Militärschlag der USA, die einen Regimewechsel wünschen, konnte man abwenden.

Auch Teheran scheint aus der nuklearen Enthaltsamkeit möglichst viel herausholen zu wollen. Bleibt zu hoffen, dass die Mullahs nicht zu hoch pokern werden und alle Spieler die Nerven bewahren. ****

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