"DER STANDARD"-Kommentar: "Teheran pokert hoch" von Gudrun Harrer

Iranische und amerikanische Hardliner verbindet ein symbiotisches Verhältnis - Ausgabe vom 4.8.2005

Wien (OTS) - Es ist ein reichlich dramatischer Auftakt der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadi- Nejad im Iran. Teheran pokert zurzeit im Atomstreit hoch - wobei die jetzige westliche Entrüstung noch nichts darüber aussagt, wie weit die Iraner wirklich gehen werden. Hätte Hashemi Rafsanjani die Präsidentenwahlen gewonnen, dann könnte man eher Spekulationen darüber wagen. Aber ob die Grundannahme des iranischen Pragmatismus, von dem man in den vergangenen zehn Jahren ausgehen konnte, beim neuen Machtmix zwischen religiöser Führung und neokonservativer Regierung noch immer zutrifft, das weiß noch niemand.
Die brisante Phase der Auseinandersetzung mit den im Atomstreit verhandelnden EU-3 (Großbritannien, Frankreich, Deutschland) fällt mit einem neuen Phänomen im Iran zusammen: der Rückkehr der "echten" 1979er-Revolutionäre. Im Westen wird die Wende im Iran als "konservativ" beschrieben, dabei richtet sie sich auch direkt gegen Teile der Mullah-Kaste: solche wie den intellektuellen, schicken Khatami oder den reichen, verweichlichten Hashemi Rafsanjani. Ahmadi-Nejad verkörpert mit seiner Einfachheit und Frömmigkeit für viele Iraner ein altes spirituelles Ideal, das des Sufi, des islamischen Mystikers.
Die Außenpolitik spielt sich jedoch auf einem völlig anderen Planeten ab - und es ist unklar, ob Ahmadi-Nejad das weiß, ob er die Folgen außenpolitischen Handelns heute schon einschätzen kann. Durch die Stimmigkeit, in der er sich mit seinen Wählern befindet, droht die Gefahr der Selbstüberschätzung der Möglichkeiten, dass man das alles noch kontrollieren kann.
Dazu kommt, dass die Atomfrage zum ersten Mal seit Langem die kulturelle Hegemonie einer Regierung im Inneren hergestellt hat. Da geht es nicht etwa um Waffen, sondern um Modernität. Die Frage der Führung an die Iraner lautet: "Wollt ihr, dass der Iran endlich wieder die Rolle als zivilisatorische Großmacht in der Region spielt, die ihm zukommt?" Die Antwort ist klar. Dass die "wilden Pakistaner" nebenan eine Technologie besitzen, die den Iranern vorenthalten werden soll: absurd.
Ja, und dann wird eben auf die Tube gedrückt, ohne Rücksicht auf Verluste. Dramatisiert wird alles durch das fast symbiotische Verhältnis zwischen den iranischen Hardlinern und denen in den USA. Die beiden Seiten lizitieren einander hinauf. Beide Seiten gehen bei diesem Spiel nicht mehr logisch vor, und das ist es, was Angst macht.

Es gibt europäische Analysten, die davon überzeugt sind, dass die USA den Iran angreifen wollen - nicht nur, um die Atomanlagen zu zerstören, sondern auch, um einen Regimewechsel herbeizuführen (wobei außer Frage steht, dass die USA im Iran einmarschieren). Tatsächlich gibt es da ein Paradoxon: Einerseits haben sich die USA im Irak eine blutige Nase geholt. Andererseits ist gerade dadurch, dass der Irak schief zu gehen droht und die Zukunft Saudi-Arabiens unsicher bleibt, der Bedarf nach einem freundlichen Iran umso größer. Dass sich so etwas schwerlich durch Gewalt erreichen lässt, diese Lektion haben bei Weitem nicht alle Herrschaften in Washington gelernt.
Natürlich spricht jede Logik gegen einen Angriff: Da sind die Ölpreise, und da ist die Situation im Irak, die schon katastrophal genug ist, ohne dass er auch noch zum Schlachtfeld für einen iranisch-amerikanischen Konflikt wird. Aber vielleicht haben die USA den Irak schon aufgegeben oder meinen, dass er nur durch eine Kaltstellung des Regimes in Teheran zu retten ist. Oder es ist die verschwommen-visionäre Vorwärtsstrategie, die man schon aus dem Irak kennt: Hauptsache, das Regime ist weg, alles andere wird sich finden. Das tut es aber nicht immer. Die Situation ist gefährlich. Der Iran wird nicht auf sein Recht auf Urananreicherung verzichten. Vielleicht wird er auf die Ausübung dieses Rechts verzichten: wenn die EU-3 ein akzeptables Angebot machen, wenn die iranische Regierung vernünftig bleibt, wenn die USA einen Kompromiss unterstützen. Wenn.

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