Wirtschaftsforscher in NEWS: "Nicht immer nur kürzen, kürzen, kürzen."

Experte Stephan Schulmeister kritisiert die "Aposteln des mehr privat, weniger Staat." Seine Vision: "Arbeit teilen, Lebensarbeitzeit kürzen."

Wien (OTS) - In einem Interview mit der Donnerstag erscheinenden Ausgabe des Nachrichtenmagazins NEWS analysiert der Wiener Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister die Ursachen der rasant steigenden Arbeitslosigkeit: "Schon um die Produktivitätsfortschritte auszugleichen braucht man ein Wachstum von 2,5 bis drei Prozent. Davon ist Deutschland noch weiter entfernt als Österreich."

Obwohl erstmals das Wachstum schleichend gegen Null schrumpfe, sei es "erstaunlich, dass einfach niemand darüber nachdenkt. Vielleicht weil Wissenschaftler und Politiker die Krise durch eigene Ideen und Aktionen selbst mitverursacht haben."

Ausreden auf die Globalisierung lässt Schulmeister nicht gelten:
"Sie kann im Fall Deutschland das Ausmaß der Krise nicht erklären, weil sie Deutschland ja sogar hilft, da es Marktanteile am Weltmarkt dazugewinnt. Das Problem ist die schrumpfende Binnennachfrage, weil man die Kaufkraft der eigenen Bürger untergräbt. Das zeigt, wohin zu viel des Guten bei der Kostensenkung führt." Die Lehre daraus sei, dass die "simplen Thesen der neoliberalen Ökonomen nicht stimmen." So lange die "Apostel des mehr privat, weniger Staat" nicht das Problem eines Defizits an Arbeitsplätzen und den Prozess, der neue schaffen kann, sähen, sondern das Problem nur bei den Arbeitssuchenden selbst suchen, "so als ob es reichen würde, wenn diese nur billiger arbeiten", werde am Arbeitsmarkt nichts gehen.

Es bedürfe einer "expansiven Wirtschaftspolitik des Staates", der auf EU-Ebene Druck auf die EU-Zentralbank wegen des hohen Euro-Kurses und der restriktiven Zinspolitik machen müsse, von der EU-Kommission den raschen Ausbau der transeuropäischen Netze und die Besteuerung der Finanztransaktionen einfordern müsse. In Österreich müsse zunächst dem Staat "finanziell Luft zum Atmen gegeben werden", indem etwa die Bemessungsgrundlage für die Gesundheitssysteme auf Einkommensarten wie Zins und Dividenden erweitert werde. Dazu müsse man "sinnvolle, nicht auslagerbare" Arbeitsplätze etwa in der Altenbetreuung oder in der thermischen Gebäudesanierung schaffen.

Mittelfristig geht Schulmeister freilich von einem radikaleren Modell aus: "Wir werden die knappen Arbeitsplätze teilen müssen. Konkret gilt es, die Lebensarbeitszeit durch innovative Modelle langfristig zu kürzen, also den Produktivitätsfortschritt nicht nur in Geld, sondern auch in Freizeit zu lukrieren."

Bis dahin gebe es offenbar zwei Regelkreise: "In Skandinavien, wo der Wohlfahrtsstaat im Prinzip unumstritten ist, herrscht Optimismus. Privater Konsum erzeugt Wachstum, was für Beschäftigung und Staatsfinanzen, damit wieder für den Wohlfahrtsstaat gut ist. In Staaten wie Deutschland wird die Bevökerung mit neoliberalen Sparideen, Einkommens- und Sozialabbau katastrophal verunsichert. So dämpft man den Konsum, schafft neue Arbeitslose und muss dann wieder kürzen."

Rückfragen & Kontakt:

Sekretariat NEWS
Chefredaktion
Tel.: (01) 213 12 DW 1103

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NES0005