"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Wahl in Afghanistan ist der Lackmustest für den Westen" (von Martin Link)

Ausgabe vom 01.08.2005

Graz (OTS) - Es war der erste offizielle Schauplatz des Anti-Terror-Krieges, den die USA ausgerufen haben: Afghanistan. Aber spätestens seit dem Krieg gegen und im Irak ist das Land am Hindukusch aus dem Blickwinkel der Weltöffentlichkeit gerutscht. Weitgehend unbemerkt blieb daher, dass der multi-ethnische Staat kaum auf die Beine kommt.

Politischer Mord, Bombenattentate, Entführungen westlicher Ausländer und militärische Gefechte stehen an der Tagesordnung: Die Taliban erleben mit dezenter Nachhilfe des pakistanischen Geheimdienstes eine Renaissance, Drogenbarone verdienen wieder Unsummen im explodierenden Suchtgiftanbau und -export, regionale radikal-islamische Rebellen haben aufgerüstet. Fast täglich melden die US-geführten Truppen der Aktion "Enduring Freedom" Gefechte mit lokalen Kleinarmeen.

Das ist auch eine Art Wahlkampf: Verschiedene Gruppen wollen die Parlamentswahlen, angesetzt für den 18. September, wegbomben. Die Staatengemeinschaft verstärkt ihr militärisches Engagement auch Österreich: Für 94 Soldaten beginnt heute die heikle Mission. Notfalls soll der historische -Urnengang auch mit Waffengewalt abgesichert werden.

Das ist jedenfalls kein Gütesiegel für die westlichen Staatskanzleien: Auch weil sich ihre großherzigen Versprechungen nach dem Sturz des Taliban-Regimes vielfach als Worthülsen erwiesen haben, ist Afghanistan vom Kurs abgekommen.

Zwar gelang es, die Große Ratsversammlung mit unsanftem Druck zur Annahme einer neuen Verfassung zu bewegen, doch der Einfluss von Präsident Hamid Karsai reicht kaum über die Stadttore von Kabul hinaus. Vielen im Land gilt der smarte Politiker zudem als zu treuer Vasall der Amerikaner.

Jedenfalls fehlt es an staatlichen Strukturen und der Regierung an durchschlagskräftigen Mitteln der Exekutive: Die Polizei kann nicht für Recht und Ordnung sorgen, das Militär ist ein Fall für Entwicklungshilfe.

In dieses Machtvakuum sind Warlords, Drogenhändler und dubiose Ex-Politiker mit ihren Interessen vorgedrungen die internationale Friedenstruppe Isaf vermochte wohl nur das Schlimmste, einen erklärten Binnenkrieg, zu verhindern.

Ob und wie die Wahlen stattfinden werden, wird zum Lackmustest nicht nur für die Staatsbildung Afghanistans. Mehr noch: Gehen die Wahlen einigermaßen korrekt über die Bühne, wäre der Westen mit einem blauen Auge davongekommen. Ihr Engagement für den Schlüsselstaat muss die Staatengemeinschaft aber unabhängig davon sowieso auf neue Beine stellen. ****

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