"Die Presse" Leitartikel: "Willkommen im Klub der Kreuzfahrer-Staaten" (von Wieland Schneider)

Ausgabe vom 1.8.2005

Wien (OTS) - Österreichs Bundesheereinsatz in Afghanistan mag Risken in sich bergen. Er ist trotzdem völlig richtig.
Was geht uns das an? Explodierende U-Bahnzüge in London rufen zwar Schock und Abscheu hervor, bedroht fühlen sich die meisten Österreicher deshalb aber noch lange nicht. Denn wir sind doch neutral. Aber wissen das auch die Terroristen?
Sie wissen es nicht. In ihrem Krieg gibt es keine neutralen, unbeteiligten Dritten; es gibt nur die Anhänger der eigenen Ideologie und die anderen: die Feinde.
Heute beginnt der Abmarsch von 93 Soldaten des Bundesheeres nach Afghanistan, um dort die internationale Friedenstruppe zu verstärken. Damit hat Österreich ab heute das zweifelhafte Privileg, in der Gruppe der "Feinde" in die nächsthöhere Stufe aufgerückt zu sein: in die der "Kreuzfahrer", die mit ihren Truppen "islamischen Boden besetzt" halten.
Dass diese Staaten zu den bevorzugten Terror-Zielen der Dschihad-Internationale gehören, ist nichts Neues. Nur einige Verantwortliche in Österreich tun so, als wollten sie das nicht wahrhaben. Die Terrorgefahr werde durch den Afghanistan-Einsatz keineswegs steigen, hatte vor wenigen Tagen etwa der Direktor für Öffentliche Sicherheit, Erik Buxbaum, in einem Fernsehinterview behauptet. Immerhin hätten die österreichischen Soldaten ja keinen Kampfauftrag, sondern nur den Befehl, beim Wiederaufbau zu helfen. Den einen oder anderen Österreicher mag Buxbaum damit vielleicht überzeugt haben. Bleibt zu hoffen, dass auch die Terrorzellen in Europa die Tatsache würdigen, dass Österreich "nur" den friedlichen Wiederaufbau unterstützt: den Aufbau eines stabileren, demokratischeren Afghanistans, das mit dem Westen verbündet ist; den Aufbau dessen, was die Dschihadisten eigentlich am meisten fürchten. Bleibt zu hoffen, dass auch in Afghanistans Bergen der ORF empfangen werden kann. Damit die Kämpfer der al-Qaida und der Taliban Buxbaum hören und ihre Vorgangsweise ändern. Denn bisher hatten sie alle ausländischen Soldaten aufs Korn genommen. Ganz gleich, ob diese so wie die Österreicher der Friedenstruppe Isaf angehörten, oder den Kampfeinheiten, die unter US-Kommando Jagd auf Osama bin Laden machen.
Und drittens bleibt zu hoffen, dass Buxbaum und die anderen, die eine erhöhte Terrorgefahr leugnen, dies nur tun, um die Bevölkerung zu beruhigen. Mit der Absicht, die Österreicher in ruhigen Schlaf zu wiegen und sie den Traum von der Insel der Seligen träumen zu lassen; während die Behörden selber um die Gefahr wissen und in höchster Alarmbereitschaft sind.
Es ist verständlich, dass Österreichs Polizei den Menschen ein Gefühl der Sicherheit geben will. Panikmache wäre auch fehl am Platz. Und doch haben die Bürger ein Recht darauf, realistisch über mögliche Gefahren aufgeklärt zu werden. Darüber, dass Neutralität vor denen, die den globalen Dschihad ausgerufen haben, nicht schützt. Darüber, welche Risken der Afghanistan-Einsatz in sich birgt, aber auch darüber, warum er trotzdem völlig richtig ist.
Nach Jahrzehnten des Krieges muss alles unternommen werden, um dem Land am Hindukusch endlich wieder auf die Beine zu helfen. Im Interesse der leidgeprüften Afghanen, aber auch im ureigensten Interesse des Westens. Nach wie vor herrschen Armut und Elend in Afghanistan, treiben Kriegsherren und Drogenbarone ihr Unwesen. Die Auswirkungen davon sind bis ins Herzen Europas zu spüren - bis in die überfüllten Flüchtlingsheime und die Heilstätten für Heroinabhängige. Afghanistan darf nicht erneut vollends zu einem "gescheiterten Staat" werden. Sonst werden abermals Gruppen wie Bin Ladens al-Qaida das Machtvakuum nützen und das Land mit ihrem Netz an Terrorbasen überziehen.
Um das zu verhindern, muss auch Österreich seinen Beitrag leisten. Schon in den vergangenen Monaten hatte es einen hohen Bundesheeroffizier für die zivile UN-Mission Unama abgestellt. Dass jetzt auch die Friedenstruppe Isaf mit einem Militärkontingent verstärkt wird, ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.

Mit Soldaten im Ausland Frieden zu sichern, ist eine gute österreichische Tradition: Sei es auf dem Balkan, wo es gilt, für Stabilität in Österreichs unmittelbarer Nachbarschaft zu sorgen. Sei es auf Zypern oder dem Golan. Und oft führten diese Einsätze mitten in Kriegsgebiete, etwa im Kongo 1960. Ging es darum, beim Wiederaufbau zerstörter Länder zu helfen, hatte Österreich sehr oft mehr getan, als als unbeteiligter Dritter untätig daneben zu stehen. Das sollte weiterhin so bleiben. Auch wenn damit - wie jetzt in Afghanistan - Risken verbunden sind.

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