"Presse"-Kommentar: Was wichtig ist: Debattenkultur (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 30. Juli 2005

Wien (OTS) - Ein kleiner sommerlicher Gruß an Armin Thurnher und seinen Kameradschaftsbund der Altachtundsechziger.
Armin Thurnher, dem Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung "Falter", hat es gefallen, mir in seinem dieswöchigen Leitartikel, der sich um die Salzburger Menasse-Debatte drehte, auszurichten, eines sei "schon stark": "Einen zuerst seitenlang stolz ausstellen und ihn dann einen verblendeten Wicht nennen." Schließlich sei es die "Presse" gewesen, die "vor kurzem einem gewissen Menasse ungefähr sieben Seiten ihrer Samstagsbeilage ,Spectrum` zur Verfügung gestellt" habe, "um mit dem Land abzurechnen." Und jetzt werde er, Menasse, von mir also als "verblendeter Wicht" bezeichnet. Ich hatte geschrieben, dass eine auf Einladung von Agnes Husslein gehaltene Rede Menasses zum Thema Spektakelkultur als Programm "in einem Maße selbstironisch" sei, "dass es sogar dem strengen Nationaldichter die permanente Verwechslung seiner selbst mit Jean-Paul Sartre austreiben könnte."
Dass "Die Presse" dann über die Rede selbst nicht mehr berichtete, schreibt Thurnher dem Umstand zu, dass Menasse seinen Text vorab einem Konkurrenzmedium überlassen hat. Das Problem der hiesigen Debattenkultur sei nämlich, dass man den anderen (diesfalls: Menasse) "nicht als Gegner, sondern nur als Mittel zum Erringen der Hoheit, sprich eines Marktvorteils betrachtet".
Das klingt zwar hübsch nach Kant, ist aber ein ziemlicher Unsinn, der Züge einer antikapitalistischen Neurose aufweist. Warum sollen gute Texte guter Autoren denn nicht den Zweck erfüllen, die Zeitung, die sie publiziert, im Wettbewerb zu stärken?
Nein, das Problem der österreichischen Debattenkultur ist nicht, dass die Zeitungen und Verlage sich auch als Unternehmen verstehen, die versuchen, Marktanteile zu gewinnen. Das Problem der österreichischen Debattenkultur sind selbstgerechte Moralonkel wie Armin Thurnher, für die "Debatte" darin besteht, dass man jede Woche jemanden anderen einlädt, um das zu bestätigen, was man ohnehin schon immer gedacht hat. Für einen Journalisten, dessen Debattenverständnis seit 30 Jahren in der wechselseitigen Selbstbestätigung einer Gruppe von fröhlich-besorgten Altachtundsechzigern besteht, ist es natürlich schwer zu verstehen, dass man jemandem, dessen Meinung man nicht teilt, die Möglichkeit einräumt, diese Meinung ausführlich darzulegen. Jemanden, den man veröffentlicht, darf man nicht mehr kritisieren. Ana von uns oder kana von uns. Debatte ist für den "Falter"-Chef nicht dann, wenn unterschiedliche Standpunkte aufeinandertreffen. Debatte ist dann, wenn wir es eh schon immer gewusst haben.
Dem Inhalt der Menasse-Rede widmete Armin Thurnher, der ausführlich beklagte, dass es nur um die Umstände, nicht aber um die Inhalte der Rede gehe, übrigens genau einen Satz: "Menasses Thema war die Frage, ob und wie die Entfesselung der freien Wirtschaftskräfte noch zu stoppen ist, die das Ende einer bürgerlichen Gesellschaft bedeutet." Na bitte.
Tatsächlich hatte Menasse davor gewarnt, dass wir, wenn man "den Unternehmerinteressen freien Lauf" lasse, "in kurzer Zeit Verhältnisse wie in der Zwischenkriegszeit und wenig später wie zu Zeiten des Manchester-Kapitalismus" haben würden. Als "unbezweifelbare historische Erfahrung" präsentierte er den Umstand, dass wir "allen Fortschritt" im bürgerlichen Zeitalter der "Fesselung" des schrankenlosen Kapitalismus, also "den politischen Beschränkungen der unmittelbaren Unternehmerinteressen" zu verdanken hätten. Das verstünden "alle, nur die Unternehmer sechzig Jahre nach dem letzten Krieg noch immer oder wieder nicht."
Da redet also einer in einem Land, das eine Staatsquote von 50 Prozent aufweist, von "Manchester-Kapitalismus". Und er interpretiert den Umstand, dass während der Festspiele 170 Millionen Euro an Umwegrentabilität erwirtschaftet werden, während den Universitäten 170 Millionen Euro fehlen, so: In der Festspielstadt Salzburg feiere sich "eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Elite auch auf den Trümmern der Universitätsstadt Salzburg".
Robert Menasse ist ein Autor von Rang und ein geistreicher Zeitgenosse. Er wird, wie Armin Thurnher, immer eingeladen sein, in allen Medien des Landes zu publizieren, auch bei uns. Und wir werden den Unsinn, den die beiden mitunter verbreiten, auch in Zukunft einen Unsinn nennen. Denn nicht die wirtschaftliche Verwertung von Beiträgen ist das Problem der österreichischen Debattenkultur. Das Problem ist, dass der Kameradschaftsbund der Altachtundsechziger nicht debattieren, sondern sich selbst bestätigen will. Viel Spaß dabei.

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