WirtschaftsBlatt Kommentar vom 30.7.2005: Deutschland macht täglich Kassasturz - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - In Deutschland geht es derzeit zu wie bei den Pradler Ritterspielen, allerdings ohne Humor. In sieben Wochen wird gewählt, was ja allein noch kein Grund wäre, sich aufzuregen. Aber überall wird abgerechnet: mit der Regierung, mit Kapitalisten, Betriebsräten, Generaldirektoren, Asylanten, den neuen Bundesländern, Linken und dem unbezahlbar gewordenen Sozialsystem.
Der österreichische Nachbar, mit aufgerissenen Augen durch den Maschendrahtzaun nach Norden schauend, hat den geringsten Grund zur Schadenfreude. Denn wo immer die deutschen Karten nicht so recht stechen (nämlich selten, zuletzt merkten das die Chefs zweier Autokonzerne) ist Österreichs Wirtschaft partnerschaftlich am Schaden beteiligt. Bei einem Exportanteil von 32 Prozent kann man sich nicht auf französisch verabschieden.
Eine einzige ironische Anmerkung ist in der Familie der Deutschsprachigen wohl erlaubt. Seit Menschengedenken haben die Deutschen, wenn sie in einer verfahrenen Situation sind, noch nie den anerkennenden, ja geradezu ratsuchenden Blick auf Österreich geworfen. Plötzlich reden sie von Österreich, dem guten Beispiel, der besseren Leistung, den niedrigen Arbeitslosenzahlen, dem höheren Wachstum und - da wird es peinlich - den Österreichern als den besseren Deutschen.
Solche wahlkampftauglichen Behauptungen, die Bayerns Ministerpräsident Stoiber und andere Unionspolitiker aufgreifen, taugen wenig, dass sie seitenverkehrt von hiesigen Regierungspolitikern hinausposaunt werden. Diese sollen froh sein, dass Österreich in der Jetztphase passable Wirtschaftsdaten vorweist. Der einzige Konsens in Deuschland besteht darin, dass Parteien, Gewerkschaft, Industrie und die übrige Wirtschaft froh über die vorzeitige Neuwahl sind. Laut schallt der Ruf nach einer handlungsfähigen Regierung. In Österreich hatte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel bisher das Glück, den kleinen Koalitionspartner wie eine Selbsthilfegruppe zur Ausnüchterung chaotischer Potenziale behandeln zu können. In Deutschland hat Amtskollege Gerhard Schröder die Chaoten in seiner eigenen Regierungspartei - mit dem Ergebnis, dass ihm eine Linkslinks-Gruppierung um den Dissidenten Oskar Lafontaine Wahlchancen gefährdet. Dann könnte Angela Merkel als erste Bundeskanzlerin die Reparaturwerkstätte Deutschland eröffnen. Sie hätte viel zu tun, wird aber ganz gewiss eines nicht sein: eine deutsche Version der Margret Thatcher. Davon ist sie weit entfernt.

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