"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der erste Schwung ist weg, die große Freude verblasst" (von Wolfgang Sotill)

Ausgabe vom 27.07.2005

Graz (OTS) - Der Sarg aus schlichtem Holz mit dem Leichnam
Johannes Pauls II. stand vor dem Altar - das Evangelium obenauf, vom Wind durchblättert. Zehntausende Trauernde harrten zwischen den Bernini-Kolonnaden und hunderttausende an den TV-Geräten in aller Welt aus.

Die katholische Kirche hatte in diesen Tagen nach Ostern einen hohen Faktor weltweiter Sympathie zu verzeichnen. Diese hielt auch noch an, als am Abend des 19. April Kardinal Joseph Ratzinger als neuer Papst auf den vatikanischen Balkon trat. Zwar sprachen einige Kritiker von einem "Rückschritt", viel stärker waren aber die Stimmen, die behaupteten: "Er wird uns alle überraschen."

Wie immer man die ersten 100 Tage des Pontifikats Benedikts XVI. beurteilt, der deutsche Papst hat die Welt bislang wenig überrascht:
weder emotionell noch intellektuell. Er hat es kaum verstanden, die Gefühle der Menschen anzusprechen, er hat die Freude und das anfängliche Zutrauen zu ihm nicht nutzen können. Selbst dort, wo "Papa Ratzi" versucht hat, Volksnähe zu zeigen, ist ihm dies nur bedingt gelungen. Denn die Herabsetzung der Frist für die Seligsprechung Wojtylas hat ernsthafte Kritiker auf den Plan gerufen:
"Die Frist hat eben den Sinn, weitreichende Entscheidungen der Begeisterung des Augenblicks zu entziehen."

Die Kirche ist stark im Ertragen und wohl auch demütig. Deshalb ist die Kritik am Papst noch verhalten: "Wir warten auf den großen Coup", sagte ein römischer Theologe kürzlich.

Aber während Rom und die Welt wartet, verfasst der Kardinal aus Wien einen Gastkommentar in der New York Times über die Evolution und wühlt weltweit Naturwissenschaftler, Philosophen und Theologen auf, sich damit auseinander zu setzen. Kardinal Christoph Schönborn hat getan, was sich viele Katholiken wünschen: Eine klare Position zu Fragen dieser Welt zu beziehen.

Ist es wirklich unanständig, die Frage zu stellen, warum denn nicht auch der Papst führenden Medien der Welt Interviews gewährt?

In einer von Kommunikation geprägten Welt existiert eben nur, was auch von den Menschen wahrgenommen wird. Da kommt aus Rom zur Zeit wenig - und wenn, dann nur mit Vorzeichen des Beharrens. In der Ökumene legt der Papst ein größeres Gewicht auf die Orthodoxie als auf die Evangelischen. Die von vielen erhoffte Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Eucharistie wird es so schnell nicht geben. Schon rufen die Pessimisten: "Ein Übergangspapst." Das aber muss kein endgültiges Urteil sein. ****

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