WirtschaftsBlatt Kommentar vom 27.7.2005: Mensch im Schaufenster der Polizei - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Angenehm ist die Entwicklung nicht, aber kaum zu bremsen. Die Welt, auch die kleine österreichische Welt, beginnt sich nicht erst seit den Terroranschlägen in London zu verändern, sondern schon seit dem grossen Attentat des 11. September 2001: Wir werden immer besser überwacht, aus Sicherheitsgründen. Es ist nicht die Polizei, es sind die Verbrecher, die diese Selbsthilfemethoden des friedlichen Teils der Gesellschaft erzwingen: Terroristen, Bankräuber, Drogendealer und Flugzeugentführer bilden eine heterogene, aber infernale Pressure Group zur Verhaltensänderung der Spezies Mensch.
Freilich, der urbane Teil dieser Spezies setzt und stellt sich längst auch völlig freiwillig in den Glaskasten. Das moderne Leben hat ausgesprochen exhibitionistische Aspekte. Der freigelegte Nabel der Mädchen gehört noch nicht einmal in diese Kategorie, er springt aktuell bloss ins Auge, weil er unter den runden Darbietungen der Mode so lange im Schatten verweilen musste. Aber das gefilmte Big-Brother-Leben im Container, manche Talkshows, das Sich-vorführen-lassen in Vera und all das, was an Bekenntnissen ins Internet geschüttet und öffentlich gemacht wird: von diskreter Privatheit wenig zu merken.
Mit den Überwachungskameras in Wien am Schwedenplatz, in Graz am Jakominiplatz, in Linz am Hauptbahnhof und sehr bald an vielen Ecken Österreichs wird die Neugierde allerdings staatlich und bürokratisch. Man blicke nach London: Offenbar hat die Polizei von jedem Londoner, wenn er heute schon aus dem Fenster geschaut oder gar das Haus verlassen hat, das neueste Foto. Natürlich bekommt das Datenmaterial bei der Aufklärung eines Kapitalverbrechens einen hohen Wert.
Das lückenlose System führt aber zwangsläufig zur Überforderung derer, die das Material sichten und interpretieren müssen. Da hilft auch die beste Software nichts, die abweichende Verhaltensweisen von Individuen registriert. Ein Brasilianer im Juli im Wintermantel! Der arme Teufel hat sein nicht-standardisiertes Benehmen vorige Woche mit dem Leben bezahlt.
Noch sieht es in Österreich so aus, als sollte Big Brother nicht fortwährend und überall wachen, sondern gezielt und wohlüberlegt an jene Fronten geschickt werden, in der Böses zu bekämpfen ist. Die Zurückhaltung hätte Sinn. Denn eine in jeder Weise gläserne Gesellschaft heranzuzüchten hiesse, einen neuen Menschen zu schaffen. Und das ist noch nie gutgegangen.

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