"Kleine Zeitung" Kommentar: "Verlust der Sicherheit: Vom Risiko des Unterwegsseins" (Von Ute Baumhackl)

Ausgabe vom 26.07.2005

Graz (OTS) - Nach all den Wahnsinnsbildern und -berichten der vergangenen Tage, nach Attentaten in London und Sharm el-Sheikh klingt der emotionslose Satz eines britischen Touristen lange nach. Befragt, ob er nun seinen Badeurlaub in Ägypten vorzeitig abbrechen wolle, sagte er: " Nein. Weil es ohnehin ganz egal ist, ob ich hier bin oder in London."

Daraus spricht nicht bloß die typische Gefühllosigkeit nach dem Schock, herauszuhören ist ein tiefer liegender Fatalismus.

Überall kann was passieren. Das war, auf anderer Ebene, auch jetzt schon so. Aber gegen gebrochene Knochen, beleidigte Blinddärme, verschwundenes Gepäck konnte man sich versichern: im Problemfall wurde für Rücktransport und Entschädigung gesorgt. Terrorismus schaltet derlei Gewissheiten mittelfristig aus. Reiseveranstalter, Fluglinien, Versicherungen werden sich die Kosten für Zusatzflüge, Gratis-Umbuchungen, Destinationsausfälle nicht ewig leisten.

Der Terror im Urlaubsland trifft gerade jenen Bereich des Reisewesens, der das Sicherheitsbedürfnis bisher am besten bedient hat: den Pauschaltourismus mit seinen fix gebuchten Transfers, Hotels, Essenszeiten. Er geht die Touristiker, die hier kostengünstig kalkulieren konnten, genau so an wie die Urlauber, die preiswert buchten. Reisen wird teurer werden. Daneben gibt es, bei aller momentanen Orientierungslosigkeit und Vorsicht, drei grundlegende Szenarien für die Zukunft des Tourismus:

A: Die Leute werden mehr daheim bleiben. (Taten sie auch nach 9/11. Aber nicht lange.)

B: Man reist individuell statt pauschal. Wer für sich bleibt und Tourismuszentren meidet, erlebt sein Unterwegssein subjektiv als weniger gefährdet. Lieber ein Rundgang durchs Rubenshaus in Antwerpen als die Warteschlange vor Madame Tussaud's.

C: Urlaub in der Festung. Touristen verbarrikadieren sich in immer besser bewachten Resorts ohne Kontakt zur gefährlichen Außenwelt. Noch besser: man taucht ab in synthetische Paradiese wie in Dubai und Albanien oder in virtuelle Urlaubswelten wie die Südsee-Vision "Tropical Islands" in Berlin und Venedig in Las Vegas (mit garantiertem Sonnenuntergang alle 2 Stunden).

Retten solche futuristischen Konzepte den Tourismus? Eher müssen wir uns darauf einstellen, dass der oft zitierte Verlust der Sicherheiten in Job und Beziehungen nun auch das Reisen betrifft. Und dass wir in Zukunft wieder so unterwegs sein werden wie die Reisenden in der Vergangenheit: Auch sie wussten nie, ob sie wieder heil zurückkommen würden.****

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