WirtschaftsBlatt Kommentar vom 26.7.2005: Zahlen lügen, Regierungen flunkern - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Ein Regierungsbericht von heute ist morgen Altpapier und kein Hahn kräht danach. Das liegt nicht an der Regierung, sondern an der Mechanik der Medienindustrie, die täglich Neues fermentieren und zu Altpapier machen will. Die Regierung geht insofern sehr professionell auf die medialen Bedürfnisse ein, als sie beliebig viel Informationsstoff ausspuckt, ohne dass von der aufgekochten Information irgend ein Nährwert für die Zukunft abzuleiten wäre. Auf dem Redaktionstisch liegt zufällig noch - und allein, dass er da liegt verletzt alle üblichen journalistischen Spielregeln - der "Wirtschaftsbericht Österreich 2005" der Bundesregierung, veröffentlicht am 4. Juli. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ist damals mit Vizekanzler, Finanz- und Wirtschaftsminister aufgetreten. So viel Licht an einem einzigen Ort musste den Blick auf den Inhalt des Wirtschaftsberichtes verstellen. Deshalb hat das WirtschaftsBlatt damals kaum Notiz genommen, obwohl in dem ästhetisch ansprechenden Zahlenwerk viel versprechende Merksätze standen. Etwa über die zielgerichtete Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik zur Erreichung der Vollbeschäftigung. Oder dass sich "im Gefolge der allmählichen wirtschaftlichen Erholung die Beschäftigung entsprechend positiv" entwickle. Oder dass Österreich mit seiner tollen Arbeitslosenquote gleich hinter Luxemburg an zweiter Stelle komme, was populärpolitisch den Eindruck erweckt, dass Österreich eh an erster Stelle liegt, denn wer vergleicht sich schon mit der Kunstwelt der Luxemburger Geldschaufler.
Gestern hat das Wirtschaftsforschungsinstitut das Schönschreibebuch der Regierung bekleckert. Ausser den offiziellen 243.900 Arbeitslosen gibt es 74.000 weitere Personen, die aussehen wie Arbeitslose, keine Arbeit haben wie Arbeitslose, aber nicht als Arbeitslose bezeichnet werden und deshalb in der Statistik fehlen (siehe Seite 2).
Man könnte jetzt Kapitel für Kapitel des Schönschreibebuchs durchgehen und stiesse immer wieder auf Herzenswärme. Etwa, dass der Staatshaushalt "erfolgreich konsolidiert" worden sei. Der inzwischen erschienene, aber auch schon wieder alte Staatsschuldenbericht rechnet zwar vor, dass in der Europäischen Union nur Italien und Belgien eine höhere Pro-Kopf-Schuldenquote haben als Österreich, aber irgendetwas wird schon dran gewesen sein an dem, was Schüssel, Gorbach, Grasser und Bartenstein so unwidersprüchlich vorgetragen haben.

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