"Kleine Zeitung" Kommentar: "Nur weil sie Pillen verschenkt, gibt es die Pharmabranche nicht billig" (Von Beate Pichler)

Ausgabe vom 22.07.2005

Graz (OTS) - Jeder Greißler kennt das Geschäft: Stimmt der Auftrag bei der Brauerei, dem Obsttandler oder sonst einer Firma, sind schon einmal ein paar (Bier-)Tragln gratis drin.

Das spielt's in jeder Branche und bei den Ärzten schaut's nicht viel anders aus. Es ist schlichtweg Praxis, dass sich die Pharmavertreter die Praxen-Klinken in die Hände geben, schauen, dass sie ihre Medikamente an den Herrn Doktor bringen - und als kleines Dankeschön die eine oder andere Schachtel für die Hausapotheke drauflegen.

Und weil man's ja nicht mit dem Greißler, sondern dem Arzt und nicht mit der Bierfirma, sondern dem Pharmakonzern zu tun hat, dürfen's auch ein paar mehr sein.

Auf dass der Onkel Doktor seinem Patienten ein bestimmtes Produkt auch wirklich ganz besonders ans Herz - oder wo's auch immer weh tut - legt.

Von Naturalrabatten bis zu 200 Prozent ist da die Rede. Unter dem Strich, rechnet der Journalist und Buchautor Hans Weiss vor, dürften 40 Prozent der Medikamentenmenge in Österreich verschenkt werden.

Verschenkt - und trotzdem den Kassen weiterverrechnet?

Betrug!?! Korruption!?!

Auch wenn's nur ein Verdacht ist - die Diagnose sitzt. Und obwohl Naturalrabatte seit Jahrzehnten gang und gäbe sind, hat er fürs Erste ganz schöne Wellen geschlagen, der Sturm im Wasserglas.

Gerade mit einem Schluck Wasser lässt sich aber bekanntlich jede bittere Pille hinunterspülen - und mittlerweile scheint der Sturm verebbt.

Ist am Mittwoch noch mit einem jährlichen Schaden von 240 Millionen Euro spekuliert worden, kann auf einmal von Betrug oder Korruptionsverdacht keine Rede mehr sein. Die Staatsanwaltschaft sieht keinen Grund einzuschreiten - und auch steuerrechtlich sehen Experten kein Problem.

Will man dem Doktor verwehren, was dem Greißler erlaubt ist? Der darf das geschenkte Bier weiterverkaufen - zum gleichen Preis wie die anderen Kisten.

Dieser Preis allerdings könnt' - und da liegt der Haken - ein besserer sein. Denn der Naturalrabatt erlaubt's dem Händler, auch einmal eine Aktion anzubieten. Und damit ein Geschäft zu machen, von dem auch der Kunde was hat.

Bei den Medikamenten schaut die Sache anders aus. Da sind die Kosten von der Pharmaindustrie vorgegeben, vom Ministerium genehmigt, vom Arzt verrechnet - und von den Kassenbeitragszahlern gelöhnt.

Und nur weil der Herr Doktor ein paar Packerln Pillen gratis bekommen hat, kriegt's unsereins noch lange nicht billiger.****

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