WirtschaftsBlatt Kommentar vom 22.7.2005: ORF-Fehlstart: Willkommen daheim - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Lange, aber doch auch beherrschte, Gesichter im ORF. Der erste Versuch, ein ausländisches, auf Sendetechnik spezialisiertes, Unternehmen zu kaufen, ist gescheitert. Die Schweizer waren mit der dickeren Brieftasche zur Antenna Hungaria gekommen. Also spielt zunächst die Swisscom die Osteuropa-Politik, als deren Meister sich der ORF gern aufbauen würde.
Ein Katastrophe für den ORF ist der Fehlstart nicht, schon gar nicht eine nationale. Auf dem internationalen Medienmarkt ist ein ganz normales Moneymaker-Spiel gelaufen, und nur einer konnte gewinnen. Österreichs öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt war erstmals in der Lage, als internationaler Player aufzutreten. Sie sollte diese Fähigkeit bewahren. In ihr steckt die Möglichkeit, neue Ertragsfelder zu erschliessen und nicht ewig auf suspekte Werbemethoden angewiesen zu sein.
Eines scheint die schief gegangene Bewerbung um die Antenna Hungaria aber schon zu zeigen. Es könnte sein, dass sich eine öffentlich-rechtliche Anstalt halt doch etwas schwer tut, wenn es ernst wird. Wie viel Risiko ist erlaubt, wie viel Geld darf eingesetzt werden und welche Amortisationszeiten sind tolerabel? Da ja weder der Gesetzgeber noch der zuständige Stiftungsrat dulden könnte, dass der ORF plötzlich zu hasardieren beginnt, muss auch in Kauf genommen werden, dass er im Poker mit internationalen Grössen den Kürzeren zieht.
Die Fokussierung auf Osteuropa ist richtig. Auf dem Printsektor spielen neben deutschen Konzernen die österreichischen Medienhäuser Styria und Russ (Vorarlberg) vor, dass Investments zumindest Fantasie für künftige Jahre haben. Wer früh dort ist, steckt Claims ab. Für den ORF waren solche Ambitionen bisher kaum denkbar, wahrscheinlich hat auch gar niemand daran gedacht. Die chronische Finanznot einer Institution, der bei schlechter Konjunktur auch noch die eine oder andere Einnahmequelle aus höheren Gründen zugeschüttet wird, macht erfinderisch.
Für den österreichischen Werbemarkt ist es sicher kein Vorteil, dass der internationale Ausritt des ORF zunächst gestoppt wurde. Der ORF wird nämlich, was seit Wochen zu beobachten ist, erst recht auf allen Ebenen hinausblasen, dass die Werbebeschränkungen sowohl im Gesetz als auch in ihrer Interpretation für den ORF gelockert werden sollten. Das sehen Mitbewerber gar nicht so. Willkommen daheim - aber bitte weder Schleichwerbung noch Abzockerei mittels unredlicher Gewinnspiele.

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