"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Die gestohlene Arbeit" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 22.07.2005

Wien (OTS) - Der Koch auf dem Alpgasthof in Oberösterreich kommt aus Thüringen. Seit drei Jahren ist der gebürtige Ostdeutsche schon hier, und er fühlt sich hier sichtlich wohl. Die Küchenhilfe kommt aus Asien, einzig der Kellner ist Österreicher.
Die vom Tiroler Arbeiterkammerpräsidenten Dinkhauser diese Woche so lautstark beklagte Überflutung mit ostdeutschen Arbeitskräften betrifft also längst nicht nur die westlichen Bundesländer. Aber warum nehmen diese Menschen ÖsterreicherInnen im Gastgewerbe "die Arbeit weg", wie Dinkhauser meint?
Sind sie einfach nur billiger? Arbeiten sie zu Schandlöhnen, die weit unter den von der Gewerkschaft ausgehandelten Kollektivverträgen liegen? Oder sind sie gar - man wagt es kaum zu denken, geschweige denn auszusprechen - fleißiger? Interessierter? Freundlicher? Sehen diese Gast-ArbeiterInnen etwa im Touristen nicht nur den Verursacher ihres alltäglichen Arbeitsleids, sondern den zahlenden Kunden, der Anspruch auf entsprechende Gegenleistung hat? Oder gibt es einfach zuwenige ÖsterreicherInnen, die sich die nicht gerade familienfreundlichen Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe antun wollen? Was auch immer der Grund sein mag, dass wir immer öfter ostdeutschen statt guttural-ländlichen oder alemannischen Akzent in österreichischen Tourismusbetrieben hören: Die Gast-ArbeiterInnen stehlen keinem heimischen Koch, Kellner oder Stubenmädchen die Arbeit. Sehr wohl ist allerdings anzunehmen, dass etliche von ihnen zu Stamm-ArbeiterInnen im heimischen Fremdenverkehr werden.
Davon könnte Österreich durchaus profitieren. Seit Jahren klagen die Betriebe, dass sie zuwenig gut ausgebildetes Personal finden. Der Streit um ausreichend große Ausländerquoten beschäftigt die Politik gleichfalls seit Jahren. Bei ostdeutschen MitarbeiterInnen gibt es kaum Sprachbarrieren, und sie brauchen weder Aufenthalts- noch Arbeitsbewilligungen.
Die Aufregung des Tiroler Arbeiterkammerpräsidenten ist also ebenso überflüssig wie unverständlich. Wichtig sind nur sorgfältige Kontrollen, ob bei den Arbeitskräften aus anderen EU-Ländern die gesetzlichen und kollektivvertraglichen Vorschriften ebenso streng eingehalten werden wie bei österreichischen.
Dinkhauser hingegen will Deutsche nur als zahlende Gäste vor der Theke, aber nicht als bezahlte Arbeitnehmer dahinter sehen. Am liebsten wäre ihm wohl, würden die deutschen Urlauber der heimischen Hotellerie und Gastronomie ihr Ferienbudget von daheim überweisen und gar nicht erst herkommen.
Dann könnten die Betriebe ihren MitarbeiterInnen die Löhne gleichfalls fürs Nicht-Arbeiten zahlen - nach Abzug der Arbeiterkammerumlage, versteht sich. Sonst stünde die AK ja ohne Budget da, und Dinkhauser & Co müssten sich ihre nicht unbeträchtlichen Gagen auf dem freien Markt statt in der Politik verdienen. So viel Arbeitsleid wollen wir aber nicht einmal ihnen zumuten.

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