"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Gunst der Stunde spricht für Deutschlands neue Linke" (Von Stefan May)

Ausgabe vom 19.07.2005

Graz (OTS) - Viele im Westen Deutschlands hatten erwartet, dass
die PDS als Restbestand der DDR verblühen würde, wie es nach der Wende mit allem ein Ende hatte, was typisch ostdeutsch war. Die "Bundesrepublik" wurde drüber gestülpt und der Westen, der sich selten für die Befindlichkeiten seiner Neubürger interessiert gezeigt hatte, wartete auf die "Angleichung". Das mag in der Wirtschaft funktionieren, nicht aber mit kollektiven Lebensgeschichten.

Tatsächlich konnte die PDS im Westen in den 15 Jahren ihres Bestehens nicht punkten, bei der letzten Wahl flog sie auch aus dem Bundestag. Im Osten blieb sie allerdings eine feste Größe. Dort ist sie die einzige Partei, die in ihrer Wählerschaft wurzelt. Alle anderen Parteien haben hier noch nicht richtig Fuß gefasst.

Die Reformen von Rot-Grün wurden indes in ganz Deutschland zunehmend abgelehnt: Die Menschen vermissen soziale Wärme und konstatieren einen Rechtsruck der zwei traditionell linken Regierungsparteien. In einem solchen Klima, auf einem großflächig von SPD und Grünen geräumten linken Feld, begann eine neue Linke zu sprießen, trotzig und ein wenig hilflos zu Beginn, ein Sammelbecken Enttäuschter, das sich in der WASG (Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit) fand.

Nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen mit der verheerenden Niederlage der SPD ging es Schlag auf Schlag: Oskar Lafontaine wurde WASG-Spitzenkandidat, für die PDS wurde Gregor Gysi reaktiviert. Die beiden stehen sich nahe, sind begnadete Rhetoriker und Populisten. Ein Zusammengehen der zwei Gruppen erschien logisch, zumal beide nur profitieren können: Die WASG wird in ihrer Bedeutung multipliziert, die PDS weichgespült und damit auch im Westen wählbar. Zusammen können sie auf zwölf Prozent der Stimmen hoffen. Die Gunst der Stunde, die keine Grabenkämpfe mehr kennt und selbst so Heiliges wie den Parteinamen über Bord werfen lässt, erweist sich als sozialistisches Katapult.

In der jetzigen Konstellation der Partei ist misstrauische Distanz gegenüber den zweien ganz oben - besonders dem Augenzwinkern Lafontaines nach ganz rechts - ebenso angebracht wie gegenüber einem großen Teil der Basis: den Ex-SED-Funktionären, die starr ihren Blick rückwärts auf "die gute alte Zeit" richten.

Die Linkspartei als "Ex-Kommunisten" abzutun, wie es die SPD aus Angst ums linke Monopol tut, ohne sich mit Inhalten zu beschäftigen, ist der falsche Weg. Er würde ihre Attraktivität für Protestwähler nicht mehr beeinträchtigen.****

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