Die Botenträger der Terroristen

"Presse"-LEITARTIKEL von CHRISTIAN ULTSCH

Wien (OTS) - Wer behauptet, dass der Irak-Krieg den Terror in
London provoziert habe, nimmt Bin Laden die Propaganda ab.

Auf der Zunge lag es den anti-imperialistischen Großkritikern wohl schon Minuten nach den Londoner Terroranschlägen. Doch aus Anstand hielten sich die meisten zunächst noch zurück. Jetzt, mit sicherem Abstand zu den Schreckensbildern vom 7. Juli, platzt es aus ihnen heraus: Mit dem Fronteinsatz im Irak-Krieg habe die britische Regierung die Attentate heraufbeschworen. Man kennt diese Argumentation. Sie ist mäßig originell, übermäßig dumm und seit den Anschlägen vom 11.09.2001 unmäßig oft ventiliert worden. "Selber schuld" lautet die schadenfroh-zynische Primitivformel, auf die man derlei Flachwurzelanalysen reduzieren kann.
Der in einschlägigen linken und rechten Kreisen gleichermaßen beliebten wie verqueren Kurzschluss-Logik zufolge hatten es sich die Amerikaner selbst zuzuschreiben, dass Atta und Komplizen Passagierflugzeuge ins World Trade Center steuerten. Und auch die Briten müssen sich demnach jetzt nicht wundern, wenn sich neuerdings Jugendliche in U-Bahnen in die Luft sprengen. Hätten sie sich doch um Crocket, Cricket oder sonst was geschert, anstatt grundlos im Irak einzumarschieren. Selber schuld, höhnt es wieder einmal von den Bänken jener, die sich schon zu Lebzeiten für Vorsitzende des Jüngsten Gerichts halten und deren oberster Maßstab dabei stets die Selbstgerechtigkeit ist.
Munition lieferte den großherzigen Terroristen-Verstehern am Montag ein Bericht des Königlichen Instituts für Außenpolitik, auch Chatham House genannt. Dass Großbritannien als treuer "Sozius" der USA in den Irak-Krieg gezogen sei, habe die Terrorgefahr auf der Insel erhöht, heißt es darin. Kann sein, kann aber auch nicht sein. Fest steht nur, dass es sich die al-Qaida auch vor dem Irak-Krieg nicht nehmen ließ, wahllos Zivilsten zu töten, und zwar nicht unbedingt dort, wo Experten königlicher Institute damit gerechnet hätten, in einer Diskothek auf der indonesischen Insel Bali zum Beispiel.
Ja, es war falsch, in den Irak-Krieg zu ziehen, ohne Gründe, ohne Plan für die Zeit danach. Es war falsch, im Namen des Anti-Terror-Kriegs eine neue Brutstätte für Terroristen zu schaffen. 39.000 tote Iraker seit Kriegsbeginn geben schweigendes Zeugnis für die Anklage ab. Doch es ist zu kurz gegriffen, den Irak-Krieg nun feierlich als Vater allen Terror-Übels aus der Taufe zu heben. Derlei genealogische Verrenkungen führen zu gar nichts. Es ist ein sicherheitspolitisches Gebot der Stunde, die Kritik am fehlgeleiteten Krieg sauber zu trennen von der Auslotung der Motive, die den radikal-islamistischen Terrorismus antreiben. Denn sonst macht man sich zum intellektuellen Botenträger der Terroristen und stellt ihnen taxfrei noch eine Rechtfertigung für ihre Verbrechen zu. Auch so lässt sich die Terrorgefahr erhöhen: Indem man Anschläge in einen rationalen Rechtfertigungszusammenhang stellt.
Zwischen dem aufgewühlten Onkel eines der vier Attentäter aus Leeds, der seinen Verwandten auch noch nach der Tat in Schutz nimmt, und "Experten" oder "kritischen Geistern" besteht dann oft nur ein Unterschied im Ton. Es sei die Missachtung von Moslems durch den Westen, der junge Menschen zur Gewalt treibe - Irak, Abu Ghraib, Guantanamo -, sagt der Onkel von Shazad Tanweer und bezeichnet deshalb seinen Neffen als "Opfer". Das Niedermetzeln irakischer Zivilisten schüre "natürlich" die Wut, führt die ehemalige britische Entwicklungsministerin Clare Short aus und begibt sich damit aufs gleiche Argumentationsniveau. Dieses "Natürlich" suggeriert, dass es eine direkte unweigerliche Verbindungslinie zwischen westlicher Nahost-Politik und dem Terror à la al-Qaida gebe: Amerikaner und Briten marschieren im Irak ein - und deshalb müssen junge Moslems früher oder später im Londoner Morgenverkehr Bomben legen. Eine fatale Gleichung, die nebenbei Osama bin Laden die Propagandaarbeit abnimmt.

Den Kampf gegen den Terror wird man in den Köpfen gewinnen oder gar nicht. Unter Moslems muss unmissverständlich klar sein, dass es kein, absolut kein Verständnis für Terrorismus geben kann. Der rhetorischen Verurteilung der Tat darf nicht länger im selben Atemzug die Rechtfertigungssuada folgen. Es ist an der Zeit, den Boden des Verständnisses für den Terror auszutrocknen. Die schweigsame Mehrheit der Moslems, die der radikalen Minderheit bisher mit offenem Mund zugeschaut hat, scheint langsam umzudenken, wie aktuelle Debatten in der arabischen Welt ansatzweise zeigen. Es wäre eigentlich nur noch notwendig, dass auch westliche Spezialisten kein Verständnis mehr für Terroristen aufbringen.

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