"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Macht des Bildes und das Hoffen auf die Teufelstechnik" (von Gerhard Torner)

Ausgabe vom 18.07.2005

Graz (OTS) - Videos zeigen nicht nur Terroristen, auch Übergriffe von Behörden.

Jetzt sind alle vier mutmaßlichen Londoner Bomben-Attentäter gemeinsam auf einem Bild zu sehen. Die Polizei hat es, aufgenommen von einer Überwachungskamera am 7. Juli auf dem Bahnhof in Luton, veröffentlicht. Wir haben die Frage dieser Tage schon einmal gestellt: Was ändert es am Blutbad? Was helfen diese Bilder den hunderten Opfern?

Und dennoch: Die Wackelbilder von Luton erhellen die Aufklärungsarbeit. Sie helfen, noch mehr Zusammenhänge noch rascher herauszufinden, die Strategie der Täter, vielleicht auch jener, die auf keinem Bild als solche aufblitzen.

Skeptiker der Videoüberwachung wird das alles nicht überzeugen. Sie fürchten den Überwachungsstaat, sehen die Grundrechte in Gefahr.

Zu Recht! Oder haben wir etwa die gar noch nicht so lange zurückliegenden Zeiten der Bespitzelung, der politischen Verfolgung, Erpressung, Unterdrückung, Vernaderung auch in unseren Breitengraden vergessen?

Zu Unrecht! Ist doch die Zahl der Straftaten auf dem Münchner Bahnhof, seit er per Video überwacht wird, um 50 Prozent zurückgegangen. Ähnliches berichten Leipzig, Stuttgart . . .

Wann immer die Straßenverkehrsordnung novelliert wird, jeder Änderung steht ein ungeschriebener Satz voran: ". . . Alles zählt, wenn damit ein einziges Menschenleben gerettet wird." Zugegeben: ein Argument, das sich nicht so ohne weiteres auf präventive Maßnahmen gegen Terror und Kriminalität umlegen lässt.

Andererseits: Wer die seit Jahrzehnten durch die Unberechenbarkeit der IRA angespannte Situation in Großbritannien kennt, weiß zu schätzen, was das strenge (Kamera-) Auge des Gesetzes zu verhindern vermag. Natürlich geht aus keiner Statistik hervor, wie viele Anschläge so verhindert wurden.

Bedrückend ist einzig, dass stundenlange Videosequenzen, die keiner auszuwerten imstande ist, neue Taten nicht verhindern werden. Aber vielleicht helfen sie, leichter die Wahrheit herauszufinden.

Wie etwa ab morgen im Fall des 33-jährigen Afrikaners Cheibani Wague. Ein Video eines Anrainers unterstützt wesentlich den Prozess über eine "tödlich zu Ende gegangene Amtshandlung" gegen sechs Polizisten, einen Notarzt und drei Sanitäter in Wien. Ohne genauer zu hinterfragen, wie zufällig das Dokument zustande kam, wichtig ist: Es dient der Aufklärung und verhilft dem Grundrecht auf eine menschenwürdige Behandlung zum Recht.

Diese Imageverbesserung hätte sich die gern verteufelte Technik verdient. ****

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